Gleich

Denke ich an »gleich« denke ich an meine Kindheit. »Essen ist fertig!« »Komme gleich!« »Dein gleich kenne ich.« oder »Nicht gleich, SOFORT!«
Gleichheit heißt auf französisch »Egalité«. Ich finde schön, wie in dem Wort unser deutsches EGAL auftaucht. Gleich, verschieden, ist das nicht alles egal?

G L E I C H

Das Wort GLEICH ist wie eine Gruppe.  Eine bunte Gruppe aus Buchstaben. Aufrecht und stark. Es steht zusammen. Es lebt zusammen. Aber es will irgendwie nicht zusammenpassen. Es sieht falsch aus. Es sieht nicht gleich aus.

Das G passt nicht zum LEICH. Das LEICH ist eine Einheit. Es ist verbunden. Das L rahmt das EICH ein. Es schiebt das EICH nach rechts. Das G schottet sich ab. Ist etwas Besseres. Will außen vor bleiben. Nimmt sich zu wichtig. Das G will nicht gleich sein. G will GENUSS sein. G will GETUE sein. G will GUTMENSCH sein. Das jedenfalls behauptet das L. Das L hält das G für GROSSE GEFAHR. Für lächerliche GASTGEBER. Das L glaubt, das G wäre viel zu GUTGLÄUBIG.

Das L verhindert die Integration. Das L macht dicht. LAND und LEUTE dichtmachen. Das L will gar nicht, dass das G zur Gruppe gehört. Nach rechts hin ist das L offen. Es würde ein E am Ende akzeptieren. Es würde auch ein T einladen, wenn es könnte. Das L würde seinen Platz sogar für ein R eintauschen. Aber ein G von links bedeutet Unheil.

Wieso hat überhaupt das L das Sagen? Leute, Land, Leben, Luft, Liebe. Das L ist gewaltig. Vielsagend. Das L ist LAUT. Je lauter das L, desto mehr Buchstaben fallen in den Tenor ein. Desto mehr LEUTE LABERN LAUT. LANDSLEUTE.

Das G aber bleibt dabei. Das G will GLEICHHEIT. Das G will GERECHTIGKEIT. Das G will GEFÜHL. Das G will GRUNDSATZDISKUSSIONEN. Das G will sich GEDANKEN machen dürfen. Vielleicht sollten wir mehr auf das G hören. Das G meint es schließlich GUT.

Das L LÄSTERT nur LANGWEILIGES. Interessant, wie sich das EICH so stumm anpasst und einfach mitläuft. Sich vom L verführen lässt. Es sich bequem macht im Schoß des Ls. Das EICH blinzelt nicht mal herüber zum G. Warum? Dabei ist das L nur ein LUFTIKUS. Ein LAKAI in einem LABYRINTH. Wir wissen alle, was das L hier macht. Das L betreibt LOBBYISMUS. Das G muss raus aus unserem LAND. Das G muss GEHEN. Das G wollen wir hier nicht haben. GLEICH? Nein das sind wir nicht. Das wollen wir nicht, sagt das L. LÄCHERLICH! GO Home!

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Oberfläche

Denke ich an Oberfläche, denke ich an Oberflächlichkeit. Dabei hat das Wort durchaus eine physikalische, sachliche Seite, mit der man sich geschickt aus der Affäre ziehen könnte. Aber ich bin nicht mathematisch begeistert. Auch habe ich nichts mit Oberflächenphysik am Hut. Nicht einmal geografisch kann ich mich diesem Thema annähern. Nur intuitiv. Introvertiert. Nach innen suchend.

Spiegelglatt, fluffig, seidig, eiskalt, stachelig, rau, ledern, hölzern, uneben, picklig, klebrig. Die Beschaffenheit von Oberflächen lässt sich in unendlich viele Adjektive pressen. Man kann sie fühlen, sehen, riechen, messen. Doch sie ist und bleibt »nur« eine äußere Hülle. Wie viel wissen wir vom Inhalt, wenn wir die Oberfläche berühren? Kommen wir je weiter hinein? Oder ist die Oberfläche eine nicht permeable Membran? Wir benötigen Transporthilfe, um die Oberflächenmembran zu überwinden.

Menschlich betrachtet ist Oberfläche das, was wir als Erstes sehen. Ein- oder vielleicht auch zweidimensional. Wie häufig sieht man glatt polierte Oberflächen, die sich beim genauen Hinschauen als porös oder vernarbt herausstellen.

Was sich unter Oberflächen befindet (Inhalt, Gehalt, Tiefe) ist schwer zu erarbeiten. Denn es ist niemals sichtbar. Kann man seinen Instinkten trauen? Bei anderen? Bei sich selbst? Die Tiefe des Menschen ist vergleichbar mit einem Ozean. Kilometertief. Schwarz. Sie ist so dunkel und offensichtlich unerreichbar. Man kann nicht atmen und verliert die Orientierung. Man fällt. Endlose Tiefe. Endloses Fallen.

Aber wer sich nicht die Mühe macht unter Oberflächen zu schauen, wer niemals seinen Gefühlen vertraut, der wird niemals die Vielfalt und Schönheit des bunten, prachtvollen, reichen Lebens darin finden. Ein Ozean voller bunter Fische, gigantischer Pflanzen und nie dagewesener Schätze. Gold, Silber, Diamanten, Smaragde, Juwelen, die in verborgenen Wracks darauf warten geborgen zu werden. Die Schönheit der Tiefe. Tiefgründigkeit. Gleitend, schwebend, lautlos, schwerelos, sehend. Der wird nie begreifen, was Leben, Erfahrung, Liebe wirklich mit uns machen. Hell werden.

Die Oberfläche scheint nur hell. Sie vermag jederzeit zu täuschen. Sie ist die Tür, die zu öffnen manchmal kompliziert, manchmal aussichtslos scheint. Die Tür, die zu öffnen aber immer belohnt wird.

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Ein Tag – ein Thema

Ich schreibe diesen Artikel ohne ein Ziel zu haben. Ohne ein Konzept. Ohne eine Richtung. Ich schreibe um des Schreiben Willens. Ich habe keine Idee, nur ein Thema. Ich habe mir folgendes Thema vorgegeben:

Der 21. Januar

Einen neuen Tag mit Inhalt füllen

Einen neuen Tag mit Inhalt füllen

Es ist ein Tag, wahllos und augenscheinlich lieblos aus dem Kontext gerissen. Er ist mal an einem Montag und mal an einem Sonntag. Der 21. Januar bedeutet mir gar nichts. Was soll ich nun damit anfangen?

Tagebuch

Ich schreibe seit nun mehr vier Jahren Tagebuch. Täglich. In jedem dieser Bücher gibt es einen 21. Januar. Ich habe mir diesen Tag herausgesucht, aus all meinen Büchern, sozusagen als Recherche. Es ist fast erschütternd, wie nichtssagend dieser Tag in meinem Leben ist. Und genau das möchte ich an dieser Stelle hervorheben! Vier Jahre lang ist an diesem einen Tag nichts Besonderes passiert. Es ist kein Feiertag. Es ist kein Geburtstag. Es ist kein Brückentag. Dieser 21. Januar verlief die letzten vier Jahre geradlinig, unscheinbar und unaufgeregt. Und genau darin liegt seine Besonderheit. Den 21. Januar muss ich nicht fürchten. Ich muss ihm aber auch nicht freudig erregt entgegen sehen. Im Gegenteil. Dieser Tag am Jahresanfang bettet mich in eine Alltagsgeborgenheit, die Ruhe und Sicherheit vermittelt. Alles wird, alles IST gut!

Ich habe einen Tagesablauf. Einen alltäglichen Tagesablauf. Und auch, wenn mein Leben mit Reisen und nicht Alltäglichem berauschend ist, so ist doch dieser festzementierte Tagesablauf ein Sicherheitsgurt, den ich brauche.

Alltägliches

Ich bin privilegiert, dass ich nicht nach Weckervorgabe aufstehen muss. Ich entscheide selbst. Mein morgendliches Ritual besteht nie aus Frühstück, sondern aus einem großen Becher Kaffee und mindestens 30 Minuten lesen im Bett. Wenn ich abends das Licht ausschalte, freue ich mich auf genau diese kurze Zeit für mich im Aufwachmodus.

Im eigenen Leben der Autor sein

Einen neuen Tag mit Inhalt füllen

Im Anschluss daran bin ich fit und gehe fröhlich an mein Tagewerk. Ich komme gerne spät ins Büro und bleibe dafür abends länger. Ich kann mit einer Nachmittagsfreizeit nichts anfangen. Für mich ist es richtig, von der Arbeit direkt in die Abendstimmung zu fallen. Ein Cocktail zum Einstieg, in einer Bar? Ein gutes Essen zubereiten? Auf dem Sofa einen Film oder eine Serie schauen und sich ganz in der Kinoatmosphäre verlieren? Oder lieber in ein Restaurant mit Freunden, bei einer schönen Flasche Wein und intensiven Gesprächen?

Den Tag, das Leben schätzen

All diese Dinge hat der 21. Januar für mich schon bereitgehalten. Der Tagesablauf seit Jahren identisch. Keine Krankheit. Keine Katastrophen. Einfach nur ein ganz normaler Tag. Es ist ein guter Tag. Der 21. Januar. Er ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Ein ganz wichtiger Teil, weil er DAS Leben ist. Nicht die besonderen Tage oder die schlimmen Tage. Dieser beinahe unsichtbare Tag, das bin ich. Das ist mein Leben. Ein Wunsch frei? Noch viele solche in sich ruhenden 21. Januartage erleben zu dürfen.

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Mein Jahr 2015

Januar

Januar2015_1

Neujahrstag 2015 in Oberstdorf/Allgäu 

Februar

März

April

Mai

Bezug des Zweitwohnsitzes im Allgäu

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Ein Kommentar

Das Wunschbuch – So war meine Frankfurter Buchmesse 2015

Ich war krank. Eine Erkältung. Kopfschmerzen, Schnupfen, Halsweh. Nicht so ausgehfreundlich. Dabei war doch Buchmesse. Frankfurter Buchmesse. Auf die wir uns seit dem frühen Sommer vorbereiteten.

Dennoch konnte ich mich und mein Krankheitsgefühl nicht überwinden und in den Zug nach Frankfurt steigen. Der Gedanke, total verrotzt unzählige Hände zu schütteln war ebenso abwegig, wie mich mit Gliederschmerzen den ganzen Tag durch Hunderte von Menschen zu schieben. Buchgenuss geht anders. Also fuhr der Gatte alleine und ich kochte mir Tee.

Ab und zu bekam ich von ihm eine Nachricht. „Schöne Grüße von Vertriebsleiter X!“ „Bin jetzt bei Y. Super Programm!“ Toll! Ich nahm mein Buch vom Nachtschrank, redete mir meinen tee- und nasensprayhaltigen Tag schön und gratulierte mir zu meiner Rekonvaleszens.

Spät abends kam der Gatte heim. Erschöpft, aber erfüllt. Ich scharwenzelte um ihn herum, begierig auf Messegetratsche. Aber Geschichten aus zweiter Hand sind nie so großartig, wie live dabei zu sein.

Am Sonntag war der Gatte erneut auf der Buchmesse. Als er diesmal heimkam, legte er mir ein Buch auf den Tisch. „Für dich. Von Frau Sowieso mit den besten Genesungswünschen.“ Es war mein absolutes Wunschbuch und ich war sehr überrascht, dass der Gatte es er“gattert“ hatte!

„Ich hatte Frau Sowieso am Mittwoch nach dem Buch gefragt. Habe ihr erzählt, dass du krank bist, nicht zur Buchmesse fahren konntest und dass ich dir mit dem Buch gerne eine Freude machen möchte. Als Trösterchen.“
Frau Sowieso antwortete dann: „Das geht nicht. Davon habe ich nur drei Exemplare am Stand und die brauche ich die ganze Messe. Die hüte ich wie ein Augapfel. Tut mir leid.“

Am Sonntag kam der Gatte dann zufällig an dem Messestand von Frau Sowieso vorbei und sie rief ihm nach. Er blieb stehen und sah sie fragend an. Ganz außer Atem überreichte sie ihm das Buch.

„Ich habe das Buch fünf Tage lang streng bewacht. Hier! Für ihre Frau. Als Trösterchen. Ich hoffe, es geht ihr bald besser!“

E M P A T H I E

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Leseplätze

Mein Lieblingsleseplatz ist das Bett. Seit langem ist mir das Bett der schönste Wohnort. Ich schlafe dort, ich relaxe im Bett. Ich esse, schreibe und lese im Bett. Mein Bett vermittelt mir eine Art von Geborgenheit, in der ich anders arbeiten, denken und handeln kann. Freier. Unbedarfter. Das ist jahreszeitenunabhängig. Wenn wir draußen 30 Grad fühlen, weshalb alle in die Sonne streben, liege ich gerne im Bett. Nicht faul und schläfrig sondern aktiv und produktiv. Ich bin ein Drinnentyp.

Lieblingsleseplatz

Lieblingsleseplatz

Im Gegensatz zu vielen Menschen, die ich kenne, habe ich mir morgens eine Lesestunde etabliert. Das bedeutet, dass ich direkt nach dem Aufwachen mit halbgeschlossenen Augen in die Küche wanke, mir einen Kaffee zubereite und unter die noch warme Decke krieche. (Vor allem im Winter, wenn es draußen dunkel ist, ist das kaum zu überbieten!) Dort nehme ich mir eines meiner aktuellen Bücher und lese mindestens eine halbe Stunde. So, und nur so, kann ich sicherstellen, dass bei mir jeder Morgen mit einem wohligen, selbstgefälligen Lächeln beginnt. Lesen und Kaffee sind Frühstück und Lebenselixier.

Ein weiterer Lieblingsleseplatz in meinen vier Wänden ist mein Lesesessel. Vor ein paar Jahren haben wir unser Esszimmer in eine Art Bibliothek umgewandelt. Es gibt zwar noch den großen Esstisch, der dient aber tatsächlich mehr als Arbeitsplatz, denn als Esstisch. In einer »übriggebliebenen« Ecke habe ich dann einen Ohrensessel mit Hocker gestellt und finde es dort urgemütlich. Ich kann aus dem Fenster auf den Platz vor meinem Haus schauen, höre die gedämpften Stimmen von der Straße wie ein entspanntes, gleichförmiges Summen und kann mich richtig einkuscheln. Vor allem in der dunklen Jahreszeit ist dies mein »Place to be« mit einer schönen Kanne Tee und vielen Büchern um mich herum. Wenn es regnet, der Himmel sich schaurig verdunkelt und die Tropfen geräuschvoll auf die Fensterbank klopfen, fühle ich mich hier glücklich und dankbar.

Lieblingssessel

Lieblingssessel

In einem Forum diskutierte ich vor ein paar Jahren mit Lesern über weitere schöne Leseplätze in meiner Umgebung. Ja, lesen in Cafés und Gärten oder Parks klingt für mich auch toll. Aber praktisch war es immer irgendwie schwierig. In Parks oder Gärten finde ich es meist zum Sitzen sehr unbequem. Wenn ich auch zugeben muss, dass es in den Herrenhäuser Gärten eine Nische gibt, mit Brunnen, Hecken darum herum und ganz geheim, ab von den Hauptwegen, wo ich mich gerne mit einem Becher Kaffee, einer Picknickdecke und einem Buch verstecke. (Aber das bleibt unter uns …!)

Herrenhäuser Gärten

Herrenhäuser Gärten

In Cafés lese ich nicht so gerne, lasse ich mich doch von Menschen und Gesprächen zu oft ablenken und finde die Welt um mich herum spannender als das Buch. Ich schaue dann vorgeblich in meine mitgebrachte Lektüre, beobachte alles um mich herum und möchte am liebsten gleich aufschreiben, was meine Sinne konsumieren. So kann man nicht lesen.

Also bleibe ich dabei: Buch und Bett. Mein Lieblingsleseplatz.
Und ihr so?

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Zweitwohnsitz – die Perspektive verändern

Pssst! Mich bloß nicht ansprechen! Ich wandle mit halb geschlossenen Augen durch die Wohnung, greife hier einen dünnen Schal, da eine Tasche, dort einen Schlüssel und werfe dabei missmutig prüfend einen Blick in alle Räume, ob man sie so klaglos für 10 Tage oder länger sich selbst überlassen kann. Der Gatte trägt emsig und wesentlich schwungvoller als ich das Gepäck zum Auto.
Samstag, 7:20 Uhr, wir verlassen Hannover Richtung Autobahn A7. Während der Gatte sich auf die überraschend leeren Straßen konzentriert, rolle ich mich grummelnd in meiner dünnen Decke auf dem Beifahrersitz zusammen. 7 Uhr, das ist einfach nicht meine Zeit um ein Leben zu leben!

Wir fahren und fahren und fahren und ich steigere mich während der langen Tour vom eingerollten Etwas in eine sitzende Position. Der Gatte hat ein Hörbuch eingelegt (John Green »Margos Spuren«) und so zischen wir kontinuierlich durch die ganze Nation, bis wir gegen 14 Uhr unser Ziel erreichen: unseren sogenannten Zweitwohnsitz im Allgäu.

Dieses Projekt hat zwei Ziele: 1. Einmal will ich wohnen, wo andere Leute Urlaub machen und 2. will ich die Idee umsetzen, wegzukönnen, wann immer ich weg möchte, ohne dass unser Workflow irgendwie eingeschränkt wird. Wir haben uns im Allgäu eine Wohnung gemietet und die letzten Monate damit verbracht, sie einzurichten, zu gestalten und damit zu arbeiten. Es hat Spaß gemacht, dort hinzufahren, Möbel aufzubauen, eine Küche zu kaufen, zu improvisieren. Doch diese Phase hatte auch immer etwas von Camping, von etwas Halbfertigem, etwas Verlorenem. Diesmal nun, im August, fahren wir erstmals mit der eigentlichen Intension ins Allgäu. Wir wollen dort leben, arbeiten und uns erholen. Den Alltagstrott aus Hannover in ein neues, zusätzliches Zuhause einbetten. Uns neu erfinden, aber mit dem gewohnten Leben. Rhythmus und Perspektive verändern, ohne alles zu ändern.

Allgäu

Allgäu

Geschäftig laden wir das Auto aus, hängen Kleidung in den Schrank, verstauen Lebensmittel in der Küche und beziehen die Betten. Irgendwann ist alles getan. Dann stehe ich da. Und nun? Ich schleiche fragend durch alle Räume der Wohnung und weiß so gar nichts mit mir anzufangen. Der Gatte: »Entspann dich! Nimm dir ein Buch, setz dich auf die Terrasse, genieß deine Zeit!« Tja … Von 0 auf 100 bei der Anreise, soll ich nun ankommen und runterkommen. Von 100 auf 0. Das kann ich nicht. Unterschied 1 zum Alltag in Hannover: dort gibt es IMMER etwas zutun. Wäschewaschen, einkaufen, aufräumen, Sport oder einfach DVD schauen. Ein permanentes Machen. Hier ist alles so anders. Ruhig. Reizarm. Behutsam. Ich traue mich nicht mal Musik anzumachen, um die Atmosphäre nicht zu zerstören. Also stehe, sitze oder schleiche ich. Mich fragend.

Die Tage vergehen und ich fühle mich fremd in meiner neuen Heimat. Ich frage mich zusehends, was ich hier eigentlich will. War die ganze Idee vom Zweitwohnsitz nur in der Theorie eine gute Idee? Ich möchte mein Leben draußen auf den Bergen verbringen. Nun ist es leider zu heiß. Bei über 30°C kann ich nicht wandern und bin ohnehin nicht gerne draußen, wenn es heiß ist. Wir arbeiten viel, business as usual, tragen unsere Büros im Laptop mit uns, was zur Folge hat, dass man frustriert denkt: puh, jetzt arbeiten, wenn draußen Berge sind … Und so sind die ersten Tage von einer latenten Unzufriedenheit ummantelt. Ich sehne mich nach Hannover. Eine Stadt, in der man auch bei Hitze so viele Dinge tun kann. Kino, Kultur, shoppen. Alles Dinge, die hier in dem abgeschiedenen Dorf nicht gehen. Hier soll ich einfach nur sein.

Berge

Berge

Ich lasse all diese Gedanken passieren, ohne mich ihnen groß hinzugeben. Und plötzlich wendet sich das Blatt. Ich wache morgens auf und fühle mich zufrieden. Ich fühle mich zuhause. Ja, okay, es ist zu heiß, ich kann kaum rausgehen, aber ich habe ja auch viel zu arbeiten und das soll genauso sein. Wir erkunden gegen Abend die Gegend im klimatisierten Auto und entdecken einen tollen See, der einen sehr schönen Hundebadestrand hat. Dort verbringen wir nun jeden Abend und Gerda lernt schwimmen von den anderen Hunden. Ich schaue manchmal schon am Nachmittag eigenartige TV-Formate und DVD, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und habe es im Laufe der Zeit auf immerhin 3 schöne, wenn auch kurze Wanderungen gebracht. Die Tage hier verlaufen wie die Tage in Hannover: Aufstehen, arbeiten bis nachmittags, dann Freizeit. Nur, dass sich die Freizeit und die Aussicht im Allgäu so gravierend von der in Hannover unterscheiden. Sie sind nicht besser, aber anders und das ist genau das, was wir uns gewünscht haben. Das Projekt scheint zum Erfolg zu werden.

Als wir nach 10 Tagen wieder abfahren, ist mein Gefühl neu. Mein Verstand braucht seine Zeit um einen Rhythmus zu finden, um eine Routine aufzubauen, aber dann fließt der Alltag. Arbeit, Vergnügen, neue Perspektive. Ich fühle mich frei und gut erholt, als wir wieder nach Hannover fahren, und freue mich auf den September, wenn es wieder in die Berge geht.

Zwei Jahre haben wir uns im Allgäu auferlegt. Zwei Jahre, so denken wir, brauchen wir, um ein Gefühl für einen Zweitwohnsitz zu bekommen. Alle Jahreszeiten genau zu erspüren in all seinen Kontrasten zur Stadt. Ich bin ein Stadtkind und niemand schafft mich je endgültig aufs Land, aber dieser Luxus jetzt, dass wir beides haben können, ist großartig und spannend.