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Unterschichten-TV ?

Neulich sitze ich mit Freunden in einem Restaurant zu einem gemütlichen Treffen. Als bereits das eine oder andere Glas Wein kultiviert vernichtet war, fragte plötzlich eine Freundin von mir mit vor den Mund gehaltener Hand, über den Tisch gebeugt im Flüsterton: „Guckst du auch Dschungelcamp?“, lehnt sich zurück und sieht sich panisch nach allen Seiten um. „Ja klar.“, antworte ich und blicke mich ebenfalls verstohlen um. Erleichterung, verschämtes Gelächter. Und dann geht’s rund. Wir tauschen uns höchst vergnügt über alle Details aus und lachen den ganzen Abend.

Was mich verwirrt, ist diese Heimlichtuerei. Irgendwelche Leute in unserer Gesellschaft meinen tatsächlich, einem ein schlechtes Gewissen vermitteln zu müssen, wenn man RTL guckt?

Wieso muss in Deutschland in einer bestimmten Gesellschaftsschicht immer alles einen so gehobenen, intellektuellen Anspruch haben?

Darf man niemals auch nur eine Sekunde mal etwas Dummes, Anspruchsloses oder Sinnfreies tun? Muss alles immer bis zum Anschlag bedeutungsschwanger sein?

Mich stört das sehr. Jeder in meinem Bekanntenkreis ist intelligent, studiert, erfolgreich und…

…guckt ab und zu RTL. Ich kann da erstmal nichts Verwerfliches dran finden.

Wenn die „Vorträge“ im Social Web stimmen, ist RTL, Privatfernsehen generell oder auch Trivialliteratur ein Privileg der sog. „Unterschicht“.

Das finde ich unglaublich vermessen!

Ich habe Abitur, bin selbständig, sehr erfolgreich in der Buchbranche tätig und durchaus politisch, wie gesellschaftspolitisch interessiert und informiert. Aber ich setze mich abends auch gerne mal vor den Fernseher und sehe Sendungen im Privatfernsehen, ich liebe Trivialliteratur aus den Bestsellerlisten und ich gucke auch gerne mal in ein Modemagazin. Ich bin dennoch durchaus in der Lage, Konsumiertes zu reflektieren und unfassbar Banales und Inszeniertes von den wichtigen Dingen im Leben zu unterscheiden.

Ich empfinde Leute, die einem permanent bei Twitter oder sonst irgendwo vorhalten, dass man „Unterschichten-TV“ konsumiert, respektlos und absolut intolerant. Niemand wird gezwungen fern zu sehen oder schlichte Bücher mit simplem Plot zu lesen. Niemand muss sich 3D-Ballerfilme im Kino ansehen, aber jeder sollte das tun können ohne sich auf intellektueller Ebene rechtfertigen zu müssen.

Eher sollten sich die Leute rechtfertigen, die einem immer wieder einen versteckten oder auch offenen Vorwurf daraus machen.

Ich wünsche mir gerade von den sog. „Intellektuellen“ mehr Toleranz und Nachsicht.

Wenn nicht die, wer dann? Ich kann diese ganze Arroganz im Netz doch nicht ernst nehmen, wenn sie darauf abzielt, Leute für banale Dinge runter zumachen. Jemand der wirklich über den Dingen steht, folgt seinen Interessen und hat es nicht nötig, sich über andere Menschen zu erheben. Das ist eine Lebenseinstellung. Lasst mir mein Dschungelcamp ohne mir zu erklären, ich wäre prekariatszugehörig. Vielen Dank!

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