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Was wollen wir im Kino sehen?

In dem Kinofilm “The Ides of March” mit George Clooney und Ryan Gosling geht es um das schmutzige Geschäft der Politik. Der aufstrebende Wahlkampfmanager Stephen Meyers gerät in ein Geflecht aus Gerüchten und Lügen, als er sich mit dem Wahlkampfleiter seines Kontrahenten trifft. Nach einer Nacht mit einer Wahlkampfhelferin erhält er von ihr noch die Information, dass sie von dem Gouverneur schwanger ist.

Was an dem Film unter anderem fasziniert, ist die Tatsache, wie die Idee mit der entstandenen Schwangerschaft umgesetzt wurde. Hätte der Kinobesucher diese Information vorab gehabt, hätte er mit einer wilden Sexszene gerechnet. Die gab es hier nicht. Nicht mal ansatzweise. Hier wurde der Sex mit dem Gouverneur lediglich rudimentär angedeutet. Wäre der Regisseur ein anderer gewesen, wäre sicher das Drehbuch dahingehend geändert worden. Man hätte hier rückblickend eine wilde Politiker-Prostituierten-Sex-Orgie gefilmt. Natürlich vor dem fadenscheinigen Hintergrund der Darstellung unserer obszönen, machtbesessenen Politiker, die sich nehmen, was sie wollen. Nicht aber zuletzt, weil es den gemeinen Kinobesucher flasht, wilde, nahezu pornographische Orgien auf einer Kinoleinwand zu sehen. Denn Pornographie und Brutalität sind heute gesellschaftsfähig geworden.

Es ist angenehm, wie Clooney in diesem Thriller bewusst darauf verzichtet. Es ist nicht die Art des Gouverneurs machohaft zu agieren und das wird auch deutlich. Der Film verliert absolut nichts durch den Verzicht auf wilde Sexszenen oder Gewaltorgien. Jeder Film kann ohne 3D-Folter, gynäkologisch-wilde Sexszenen und verstörende Gewalt auskommen. Er kann dennoch oder gerade deswegen ein großer Film werden. Die Kunst besteht darin, einen Film spannend und unterhaltsam zu entwickeln OHNE die Gewalt. Clooney ist das gelungen.

Das gilt übrigens in gleichem Maße für Bücher. Es ist inzwischen schwierig geworden Thriller im Buchladen zu finden, in denen es nicht um verstörend brutale Morde geht, wo nicht in Gedärm und Gehirn gewühlt wird und wo nicht auf bestialische Weise gequält wird. ICH will das nicht lesen und suche deshalb gezielt nach anderer Lektüre.

Offensichtlich kommt aber selbst die „gehobene“ Kunst nur sehr schwer ohne Schmadder und Ekel aus. Kunst will ja provozieren. (Oder steckt da manchmal doch eher eine psychogene Perversität des Künstlers dahinter?)

Ich persönlich bin täglich gethrillt, wenn ich die Nachrichten der Welt sehe. Ich ekele mich jeden Tag, wenn ich den Fernseher anstelle und ich fühle mich bestialisch gequält, wenn ich die shitstormenden Kommentare in Foren lese, die jeden freundlichen Ton vermissen lassen. Mein Anspruch an Kultur ist, sich in eine andere Welt versetzen zu lassen. Mit vielen Farben und anspruchsvollen Geschichten und Dialogen. Warum lieben Menschen diese Abartigkeit in Filmen und Büchern so viel mehr? Was sagt das über uns aus?

Ich bin froh, dass ich (noch) die Wahl habe, was ich konsumieren möchte und es noch Künstler gibt, die das offensichtlich auch so sehen.

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