Ein Kommentar

Warum besuchen Sie außerhäusige Veranstaltungen?

Letztes Wochenende war ich in Berlin zum Snooker German Masters 2012. Es war eine fabelhafte Veranstaltung. Snooker ist ein Denksport. Er erfordert feine Geschicklichkeit, physikalische Berechnungen und ein hohes Maß an Konzentration. Die Spieler stehen am Tisch, analysieren das aktuelle Bild der Kugeln und überlegen sich strategisch, wie die nächsten Züge taktisch aussehen müssen, damit der Gegner nicht ins Match kommt und man selbst die meisten Punkte einfährt.

Nun steht also ein Ronnie O’Sullivan am Snookertisch. Er denkt, er tüftelt mit an den Mund gelegtem Zeigefinger. Jeder überlegt mit, was er am Besten tun könnte. Dann hat er eine Lösung im Kopf. Er geht in Position, er beugt sich vorsichtig über den Tisch. Er setzt den Queue an, die Zuschauer hören auf zu atmen,  er holt sanft aus und…

… und dann klingelt ein Handy im Publikum. Ronnie O’Sullivan verschießt.

An der Stelle fange ich an nachzudenken. Wie kann so etwas passieren? Kann man vergessen sein Telefon auszuschalten? Kann man das vergessen, wenn diverse Schilder darauf hinweisen? Kann man das, wenn der Moderator in nicht müde werdender Freundlichkeit immer wieder gebetsmühlenartig darauf hinweist, wie wichtig es für die Spieler ist, nicht aus der Konzentration gebracht zu werden? Kann man das, wenn man als Snooker-Fan ganz genau weiß, wie wichtig RUHE ist? Oder ist es nur pure Respektlosigkeit?

Ich frage mich, wieso es überhaupt zu Handystörungen kommen kann. Wenn ich eine außerhäusige Veranstaltung besuche, ganz gleich welcher Art (Theater, Kino, Konzert etc.), dann lasse ich mein Handy zu Hause. Das hat folgenden, spektakulären (!)  Hintergrund: Ich besuche diese Veranstaltungen, um der Veranstaltung willen! Ich möchte diese Veranstaltung in vollem Umfang genießen. Ich möchte auf gar keinen Fall zu diesem Zeitpunkt für andere erreichbar sein.

Ob der unzähligen Störungen bei Theaterbesuchen, im Kino oder eben beim Snooker muss man aber davon ausgehen, dass diese Einstellung veraltet ist. Offensichtlich sind wir alle dermaßen unabkömmlich, dass wir 24 Stunden am Tag erreichbar sein müssen. Prinzipiell kann das jeder für sich selber entscheiden, aber schwierig wird es dann, wenn andere Menschen dadurch erheblich gestört werden. Dann ist das Ignorieren des Handyverbots ein asoziales Verhalten im Sinne des Wortes.

Ich gewinne manchmal den Eindruck, dass einige Menschen die Veranstaltungen nicht wegen der Veranstaltung an sich besuchen, sondern in einer Art journalistischen Funktion anwesend sind. Sie berichten, fotografieren und filmen ununterbrochen von dem Ort des Geschehens. Beim Snooker zogen die Zuschauer in jeder kleinsten Pause ihre Handys heraus und tippten wie die Stenographen. Ich frage mich, wie viel Realität diese Leute noch mitbekommen und wie viel von der Atmosphäre wohl verloren geht, wenn man auf so viele verschiedene Dinge gleichzeitig konzentriert ist.

Machen Sie doch mal den Versuch. Lassen Sie Ihr Telefon, Handy, Smartphone oder IPhone einfach mal zu Hause liegen, wenn Sie eine Veranstaltung besuchen. Seien Sie einmal nicht erreichbar. Genießen Sie nur den Augenblick. Sie sind ja danach sofort wieder erreichbar! Ich wette, dass die Welt bis dahin nicht untergegangen ist. Und vielleicht hinterlässt das bei Ihnen einen ganz neuen Eindruck. Einmal ganz abgesehen davon, dass Ronnie O’Sullivan die nächste Kugel nicht verschießen wird und ich nicht mehr genervt bin.

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Ein Kommentar zu “Warum besuchen Sie außerhäusige Veranstaltungen?

  1. Moin, mal abgesehen davon hat gestern auch ein Zuschauer in der finalen Phase zwischen Ding Junhui und Stephen Lee sein Telefon an gehabt und im entscheidenden Frame, als Lee Grün brauchte, klingelte es. Lee verschoss und Ding zog ins Halbfinale der Welsh Open ein – ein absolutes Unding.

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