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Harmonie pur?

Neulich saß ich mit Freundinnen beim Abendessen. Kerzenlicht, lockere Stimmung, tolle Gespräche. Aus den Lautsprechern drang dezente Cocktail-Jazzmusik und die Kellner wuselten im Stimmengewirr umher.

Wir redeten so über dies und das, als plötzlich die Stimmung kippte. Eine Freundin haute mir einen Spruch um die Ohren im Sinne von:

„Das mache ich eben anders als du. Basta. Was du denkst, ist mir scheißegal!“

Ich war erstmal sprachlos. Das Thema, das sie hier ganz unvermittelt zur Sprache brachte, handelte von irgendwelchen Moralvorstellungen. Der Spruch richtete sich persönlich an mich und er kam zu einem Inhalt, den wir vor drei Wochen bei einem Essen diskutiert hatten. Damals hatte besagte Freundin mir in allem zugestimmt. Umso überraschender traf mich ihr Gesinnungswandel und vor allem der Spruch, der keinerlei Widerspruch duldete.

Ich dachte darüber nach warum es so kam. Ich bin jemand, der sich gerne über alle tagesaktuellen Themen unterhält. Ich sauge alle Informationen in mich auf (Pro und Kontra) und versuche mir eine Meinung anhand von Fakten zu bilden. Ich habe aber inzwischen auch bemerkt, dass das Diskutieren immer schwieriger wird. Da Zynismus und Überheblichkeit leider auf der Tagesordnung stehen, gepaart mit „meine Meinung ist die einzig wahre“ fällt es schwer, ein sachliches Gespräch zu führen. Vor allem diese triefende, belehrende Arroganz, die sich auch im Social Media Web immer wieder einschleicht, geht mir richtig auf die Nerven.

Was mir aber noch dringender auffällt ist die Tatsache: je näher sich Menschen stehen, desto schwieriger wird es zu diskutieren.  Bei besagter Freundin war es so, dass sie mir unreflektiert bei einem Treffen in allem zugestimmt hatte, später darüber nachdachte und nun eine andere Meinung vertreten wollte. Völlig normal und okay bis dahin.

Doch sie hat es nicht geschafft ein neues Gespräch anzufangen. Sie sagte mir, sie sei anderer Meinung und was ich dazu denke sei ihr scheißegal. Ich hatte überhaupt keine Chance nachzufragen warum und wieso. Es war auch klar, dass das Thema für sie damit erledigt war. Ich konnte das nur so hinnehmen und das hat bei mir einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.

Es bleibt der Eindruck, dass wir gar nicht wirklich miteinander reden können. Dass gewisse Dinge ausgeklammert werden müssen.

An der Stelle weitergedacht fiel mir auf, dass ich das gleiche bei Familie und anderen Freunden empfinde. Je enger der Kontakt, desto schwieriger scheint es, unterschiedlicher Meinung zu sein. In meiner Familie wird zum Beispiel das „Harmonie-Banner“ über alles gehängt. Jeder macht sich vor einem Familientreffen seine Gedanken, welche brisanten Themen am besten ausgeklammert werden sollten (Politik ist beispielsweise ein schwerer Brocken), um nicht die Harmonie zu gefährden. Denn jeder fühlt sich offensichtlich persönlich verletzt, wenn man nicht seiner Meinung ist.

Es ist, als hätte man Angst, Diskussionen mit unterschiedlichen Meinungen würden Freundschaften brechen und Familien auseinanderdriften lassen. Als hätten wir Angst, dass unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auf gar keinem so festen Fundament stehen, wie wir uns das wünschen. Haben wir schlicht verlernt, uns im sozialen Umfeld sachlich zu streiten. Oder ist die persönliche Anerkennung „im Recht zu sein“ bzw. „recht zu haben“ wichtiger als zuzuhören und anzuerkennen? Egotrip statt Streitkultur? Es erwartet wohl keiner, dass wir alle ständig einer Meinung sind, aber ein Satz wie: „Ich bin nicht deiner Meinung, respektiere sie aber.“, sollte doch möglich sein, ohne dass jemanden ein Zacken aus der Krone bricht.

Interessant ist, dass ich mit mir fremden Menschen unbefangen diskutieren kann. Auf der anderen Seite kann ich aber auch absolut leidenschaftlich mit dem Gatten, der mir ja nun von allen Menschen auf der Erde am nächsten steht, diskutieren, ohne dass es zu nachhaltigen Verletzungen kommt. Das liegt vermutlich daran, dass unsere Beziehung auf so festen Standbeinen steht, dass eine Diskussion uns nicht erschüttern kann. Das ist Sicherheit.

Aber weiß ich es bei meinen Freunden und bei meiner Familie sicher? Wie verhalten sie sich in streithaften Diskussionen? Den Test zu wagen ist gefährlich, denn gerade bei den Freunden ist eine entspannte Atmosphäre und bei der Familie Harmonie erwünscht. Nicht jeder kann etwaige Spannungen gut aushalten.

Ich überlege immer noch, ob ich die Freundin noch mal auf das Thema und unseren Umgang damit anspreche oder ob ich zukünftig, wie bei der Familie, auf brisante Themen verzichte. Aber das hat natürlich auch einen bitteren Aussagewert für die Freundschaft.

Können Sie mit Freunden und Familie leidenschaftlich und hitzig über gegenteilige Meinungen diskutieren (sachlich streiten), ohne dass sich jemand verletzt fühlt und die Beziehungen Schaden nehmen?

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