Ein Kommentar

Jugendstil

Verrohung der Gesellschaft, Empathieverlust, emotionale Kälte. Begrifflichkeiten, die man heute überall aufschnappt. Das wollen wir nicht. Wir wollen uns sympathisch finden. Wir möchten hilfsbereit und offen sein. Wir wünschen uns Ehrlichkeit und Fairness. Das beginnt im sozialen Umfeld. Wo wohne ich? Wie lebe ich? Wer sind meine Nachbarn? Ich muss mich wohlfühlen in der Umgebung, in der ich lebe.

Kennen Sie auch diese Wohnsiedlungen mit den farblosen Hochhäusern, den dreckigen Eingängen und den betonartigen Treppenhäusern? Ich frage mich, wie in solchen Wohngegenden Empathie, Lebenslust und soziale Wärme entstehen soll.

Wenn ich Stadtplaner und Architekten heute bei der Arbeit beobachte, möchte ich den ganzen Tag mit dem Kopf schütteln. Ist das deren Ernst? Ein Beispiel: Mein früherer Arbeitgeber ließ sich für sehr viel Geld einen neuen Bürokomplex bauen. Man denkt ja (naiv, ich weiß), dort sollen sich in erster Linie MENSCHEN wohl fühlen, damit sie produktiv und kreativ arbeiten können. Letztlich wurde es dann aber doch ein Prestigeobjekt für Architekten. Waschbeton, Stahl und Glas sind die Elemente aus denen Architektenträume gemacht sind. Mausgrau, Schiefergrau, Steingrau, Aschgrau, Anthrazit, Schwarz und Silber sind die dominierenden Farben. Okay, wenn man Glück hat mischt sich noch mal ein potentes Lamborghinigelb oder Ferrarirot in Form einer frechen Türklinke oder einer pfiffigen Teppichfaser mit hinein. Gerne auch mal diese Lounge-Lifestyle-Entspannungs-Grün-Rosa-Blau-Farben im fröhlichen Wechselspiel. Das lenkt uns von unseren Suizidgedanken im grauen Allerlei ab. Ansonsten lautet das Motto: kalt, kälter, kältest! Sieht aber geil aus, denkt „mann“ sich so! Ach, ja, fast vergessen, die Immobiliennutzer sollen sich ja auch ansatzweise wohlfühlen: Schnell noch hier und da ein „symmetrisches“ Bäumchen gepflanzt und ein steriler Brunnen mit dunkelblauem Wasser installiert. (Entspannungsflächen) Zum Überfluss hängt im Entré ein Flatscreen mit Kaminfeuer. Schön isses geworden!

Wohlfühlen, finde ich, geht aber anders. Ich wohne in einer Altbausiedlung. Bestechend hier sind die Gebäude aus der Jugendstilzeit: Geschwungene Linien, Schnörkel, Ornamente. Die Häuser sind hier alle gut instand gehalten und haben einen Pastellanstrich. Die Straßen sind teilweise noch aus Kopfsteinpflaster und an jeder Ecke gibt es winzige Parkanlagen mit Spielplätzen und Sitzbänken. Wenn ich aus dem Fenster sehe, fühle ich mich behaglich. DAS ist für mich atmosphärisches Wohnen. Eine Wohnsituation, in der man auch mal seine Nachbarn grüßt, den Kindern beim Spielen zuschaut oder im Café nebenan einen Cappuccino trinken möchte.

Haben sie das im Sinn? Diese Wohnsituation? Dieses Lebensgefühl? All die Architekten und Stadtentwickler? Ist ihnen das wichtig? Das wir uns wohlfühlen? Oder geht es nur um Style und Prestige?

In dem Bürogebäude meines ehemaligen Arbeitgebers hat sich KEIN Angestellter wohlgefühlt. Aber es fanden alle paar Wochen Führungen für Architekturstudenten statt. Das ist doch auch schon viel wert. Sollen sie das lernen, die Studenten? Oder sollten sie lieber Architektur für das wirkliche Leben lernen?

Warum darf man heute keine Häuser mehr mit Schnörkel und Ornamenten bauen? Ist Architektur nicht auch eine von diesen Männerdomänen? Dürfen Männer Häuser in Pastelltönen planen? Mit Schnörkel und Ornamenten?

Man weiß es nicht. Ich weiß aber, dass sich die menschliche Seele NIEMALS wohlfühlen wird in Glas, Beton und Stahl.

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Ein Kommentar zu “Jugendstil

  1. Ich schreibe viel und frage mich oft, ob meine Texte zu viel Bekenntnischarakter beinhalten und ob das der Würde und der Scham abträglich ist. Es ist kein Outing, oh nein, niemand muß peinlich berührt sein. Aber es sind Traumbilder und Sequenzen, die der Seele Luft geben und damit meine Verletzbarkeit fördern.

    Welchen Rat haben Sie?

    Ich bin auf tritter unter BMWUNSCH3 zu finden.

    Gruß und schönen Abend

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