Ein Kommentar

4 Tage an 5 Seen – Teil 1

Gespannt bis in die letzte quergestreifte muskulöse Faser meines Körpers, drehte ich langsam den Schlüssel im Schloss herum. Ich konnte keine Sekunde länger abwarten diese Tür zu öffnen. Die schwere Handtasche hing am Riemen über meine Schulter, in der anderen Hand eine kleine Tasche für Schuhe und im Schlepptau den praktischen Trolly. So vollgepackt war das Drehen des Türschlüssels beinahe schon ein feinmotorisches Kunstwerk und ich war gereizt bis kurz vor dem Amoklauf.

Vier Stunden Autofahrt lagen hinter uns, es regnete feine, sprühende Tröpfchen, die einem die Haare im Gesicht fixierten und die Landschaft war so grau, dass ich mich in einem düster fotografierten Drama vermutete. Wir hatten unsere Vorfreude auf den Osterurlaub noch während der Fahrt steigern wollen, in dem wir uns auf dem Notebook die Hotelfotos angesehen hatten. Alles neu renoviert. Das Hotel war in weiß und beige gehalten. Minimalistisch, modern. Die Zimmer im Loungestyle, schwarz und weiß. Hell und lichtdurchflutet. Pool, Restaurant und Bar. Direkt am See gelegen und nur durch eine autofreie Promenade vom Wasser getrennt. Ankommen and just relax.

Endlich öffnete ich die Tür, während der Gatte noch den Hund Gassi führte und das restliche Gepäck holte. Das Zimmer, dass sich vor mir öffnete, war … ja, wie war es? Ich kann es gar nicht beschreiben. Dunkel? Trist? Es war, soviel war sicher, nicht das, was wir gebucht hatten. Und nicht das, was wir uns im Auto noch vorfreudig betrachtet hatten. Vor mir lag ein winziger Flur (ich mit Koffer drin = Flur voll) mit einem alten, aber nicht schönen, muffigen Einbauschrank. Im Schlafraum, also mit gutem Willen würde ich es mal als Countrystyle beschreiben, stand ein altes Doppelbett mit Matratzen, die mich an Badewannen erinnerten. Pastelltöne, Korbmöbel und leider alles irgendwann mal schön gewesen. Ich bin sehr sicher, dass die Möbel Hotelgeschichten aus mehreren Jahrzehnten erzählen könnten, aber da sie genauso rochen, hielt ich mir lieber die Ohren zu.

Das Schlimmste aber war, dass ich den bedingungslosen Seeblick gebucht hatte! Ich wollte den bedingungslosen Seeblick! Und den hatte ich hier aus zwei Gründen nicht: 1. War der Balkon loggiamäßig von zwei grauen Wänden eingefasst, so dass der Blick sehr eingeschränkt war und 2. war das Zimmer im Erdgeschoss, so dass wir lediglich Blick auf die traurigen Rabatten vor dem See hatten. ‚So nicht!’, dachte ich trotzig und stampfte mit dem Fuss auf. Dann verließ ich das Zimmer Richtung Flur.

Der Gatte kam mir entgegen. Voll beladen mit Koffer, Hundekorb und Hund an der Leine, bekam er sofort eine panikähnliche Attacke, als er mein Gesicht sah. „Ich sag nix!“, sagte ich fast nichts und ließ ihn mit großzügiger Geste das Zimmer betreten. Der Gatte ließ Sack und Pack fallen und sah sich um. Der Hund war erfreut, angekommen zu sein, nur was nützte mir das? „Nimm deine Sachen, wir gehen wieder.“, sprach der Gatte wie ein Motivationscoach, so als hätte er einen Plan B. Das Zimmer tauschen und zwar sofort. Das war sein Plan, den ich gleich intervenieren musste. Ich wusste, dass das Hotel ausgebucht war. Wie sollten wir da tauschen? Ich blieb also erstmal stocksteif auf einem Korbsessel sitzen, klammerte mich an das Hundetier und schickte den Gatten zur Rezeption. Lösung finden!

Aber welche Lösung? Wenn das Hotel voll war, konnte man mir kein anderes Zimmer geben und von einem geldwerten Ausgleich hatte ich nichts, denn ich WOLLTE VIER TAGE SEEBLICK! War das zu viel verlangt? Ich brauchte das Wasser um abschalten zu können. Mit allem konnte ich leben, aber nicht mit einem Zimmer im Erdgeschoss. Ich hatte das Hotel so rechtzeitig gebucht, an alles gedacht, sogar noch dringende Mails geschrieben (Betreff: Seeblick). Ich hatte die Vorstellung vier Tage am Fenster zu sitzen, zu schreiben und zu lesen und zwischendurch immer wieder meinen Blick über das Wasser gleiten zu lassen. Das war mein Traum und den wollte ich mir nicht nehmen lassen.

‚Kind müsste man noch mal sein.’, dachte ich. Dann hätte ich mich jetzt bockig auf den Boden geworfen und mit den Fäusten getrommelt. Aber wir Großen müssen Frustration herunterschlucken oder unschuldige Angestellte anmotzen. Alles blöd. Der Gatte kam wieder und berichtete: Kein anderes Zimmer frei. Man hätte uns aus Nettigkeit „upgegraded“. Dieses Zimmer hier wäre ja viel toller und größer und hätte sogar eine Badewanne (nein, das war nicht das Wasser, was ich wollte), als das, was wir gebucht hatten. Egal, sagte der Gatte dann und bestand auf einen Zimmerwechsel in die schlechtere Kategorie (das hatten die sicher auch noch nie erlebt). Der feine Herr Hotelmanager versprach dann Abhilfe am nächsten Tag. Da würden ganz viele Gäste auschecken und wir könnten uns sogar ein Zimmer aussuchen. Gleich nach dem Frühstück sollten wir uns melden und alle unsere Wünsche würden erfüllt werden.

Zufrieden? Tja. Da saßen wir nun in dem Zimmer, das ja quasi schon nicht mehr unser Zimmer war, fanden alles hässlich und fühlten uns heimatlos. Bloß nichts auspacken, bloß nichts dreckig machen, einfach warten, bis der Tag und die Nacht vorbei gingen, dann könnten wir morgen anfangen Urlaub zu machen. Dann hatten wir nur noch 3 Tage.

– Fortsetzung folgt –

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Ein Kommentar zu “4 Tage an 5 Seen – Teil 1

  1. PERFEKT ! Ich bin absolut gespannt auf die Fortsetzung … wird es dem Hotelpersonal gelingen, den Fauxpas wieder auszubügeln – wird der Hotelmanager es schaffen, die Protagonisten glücklich zu machen … ?

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