Ein Kommentar

Die Einkaufsberaterin

Kennen Sie das? Vor den unendlichen Weiten des Kleiderschranks stehen und laut fluchen: „Ich habe gar nichts anzuziehen!“, während der Gatte hinter einem steht und einem ins Ohr raunt: „Dein ganzer Schrank hängt voller Klamotten.“

Ja sicher. Aber das ist alles hässlich, unpassend, nicht gebügelt, ausgeleiert, zu bieder, zu hip, zu …!

Ordnung ist das halbe Leben!

Schranktür zu, nachdenken, in die Stadt fahren, shoppen. Aber in der Stadt ist die Kleidung, die angeboten wird, zu abgedreht oder zu bieder. Wenn sie einem gefällt, ist sie nur in S, XS oder XXS vorhanden. Man gewinnt zwangsläufig den Eindruck, dass nur zwei Menschengruppen Kleidung kaufen dürfen: die über 70 und die unter 30. Oder habe ich das missverstanden und die über 30 sollen Kleidung kaufen, die aussieht wie für die über 70?

Wieder nach Hause, Schokolade rausholen, frustriert sein, nachdenken. Internet an, Recherche. Aha: es gibt Einkaufsberater! Zack, angerufen, Termin gemacht.

Frau Einkaufsberaterin

Frau Einkaufsberaterin kommt. Ich extra Blüschen rausgeholt und Tüchlein umgewickelt (man will sich ja nicht blamieren). Sogar Kekse und Blümchen gekauft. Frau Einkaufsberaterin natürlich wie aus dem Ei gepellt. Fühle mich gleich ganz fehl am Platz. Aber sie soll ja schließlich meine Kleiderprobleme lösen. Sie gleich zur Begrüßung zu mir: „Aber Schriftsteller1, so wie Sie sich kleiden, brauchen Sie doch keine Einkaufsberatung!“ Ich schenke ihr ein gequältes Lächeln. Was dann? Strychnin-Cocktail?

Guter Po!

Sie will einen Fragekatalog an mir abarbeiten. Bitte, nur zu. Muss mich hinstellen und sie guckt mich an. ÜBERALL! Muskulöse Oberarme, Hüfte ja, kräftige Oberschenkel, guter Po. Kein Scherz! Sie sagte: guter Po! Was auch immer…? Bin gedemütigt und sitze peinlich berührt mit meinem Tüchlein auf dem Sofa.

Dann fragt sie ganz viele Sachen. „Was mögen Sie denn gerne? Welche Materialien, Farben und so?“ Ich gucke wirr. „Na, mögen Sie z.B. Chinos, Angora, Applikationen, Pailletten, Häkellook, Synthetik, 7/8?“ Ich gucke weiter wirr und nuschele in mein Tüchlein: „Ja, … eben so …Jeans, mag ich.“

„Ja, toll, Schriftsteller1!“, lobt Frau Einkaufsberaterin. „Welche Jeans denn? Bootcut, Röhre, Karotte, mehr gerades Bein? Farbe? Stonewashed, Used oder Destroyed-Optik?“ Fragezeichen tanzen um meinen Kopf. Fühle mich überfordert. Soll sie mich nicht beraten? Ich dachte sie macht dann alles. Dafür bezahle ich doch Trillionen Euros?

Intimer Schrank

Le Schrank intime!

Denke, ich bin schon am Boden, aber dann kommt mein endgültiger Tiefpunkt! Frau Einkaufsberaterin flötet: „So, dann schaue ich jetzt mal in Ihren Kleiderschrank.“ Waaaaasss? Frau Einkaufsberaterin und ich können jetzt auch heiraten. Intimer können wir nicht mehr miteinander werden. Ich öffne meine Schranktüren und ihr entfahren die ersten ehrlichen Worte: „Oh mein Gott!“ Ja, genau. Ist es wohl der schlimmste Schrankinhalt, den sie je gesehen hat, frag’ ich. Sie sagt: „Dazu sag ich nichts.“ Hmpf! Sie sagt: „Da brauchen wir minimum 4 Stunden für die Kleiderschrankanalyse.“ Und ich sehe, wie die Euros durch ihren Kopf rattern.

Ich erhole mich noch immer von ihrem Besuch und schwanke zwischen: ‚Wer ist die schon, dass ich mich schlecht fühle!’ und ‚Es kann mit ihrer Hilfe nur besser werden.’ Ich bin gespannt.

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Ein Kommentar zu “Die Einkaufsberaterin

  1. Hach, schön geschrieben, und kommt mir soooo bekannt vor

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