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Familienfeiern

Es war Mittag an diesem Sonntag, als der Gatte und ich auf dem Weg zu einer Familienfeier waren. Es regnete ununterbrochen während der knapp zweistündigen Autofahrt und für Anfang Juni war es empfindlich kalt. Dieser Umstand trug nicht unbedingt zur Besserung unserer Laune bei. Je näher wir dem Ankunftsziel kamen, desto mehr schwankten wir auf der Hysteriewippe hin und her. Entweder wir fingen an uns zu streiten wegen Irgendetwas, weil wir beide keine Lust auf Familienfeiern hatten und das an uns ausließen oder wir fingen an infantil zu Lästern und zu Lachen über die Spießigkeit unserer Familien und das wir so viel besser waren als die.

Die Tafel

Die Tafel

Dann kamen wir vor dem traditionellen alten Gasthof an, der in jeder beliebigen Kleinstadt in Deutschland hätte stehen können („Zur Linde“; „Zur Eiche“; „Zur Alten Post“). Immer schön ins Grün der Umgebung eingebettet mit rustikaler Ausstattung und traditionellen Werten. Ich konnte den Mief förmlich riechen. Mich überfiel abrupt eine gähnende Langeweile, auch weil ich wusste, was mir in den nächsten Stunden bevorstand. Ich blickte resigniert aus dem Wagenfenster und dachte fortwährend: ‚Einfach weiterfahren. Nicht anhalten. Irgendwann sind wir im Süden, wo die Sonne scheint und weit weg von all dem hier.’

Ankunft

Die Sippe stand schon auf dem Parkplatz bereit. Alle mit bunten Regenschirmen und altmodischen Klamotten. Oma mit lila Dauerwelle, Mutti im Kostümchen, Vatti im Sakko, mit Krawatte und weißem Hemd, das über dem Bierbauch spannte. Der Gatte und ich wie immer zu spät. Hilfsbereit souverän winkten die Herren Familienoberhäupter den Gatten in eine gigantische Parklücke, die nicht mal ein Blinder verfehlt hätte, während die Frauen guckten, ob die Herren das auch richtig machten. Hektik, Stress und wildes Gestikulieren. Ich senkte meinen Blick auf den Schoß und dachte: ‚Will nicht!’

Begrüßung, Begrüßung, Begrüßung: „Hallo, lange nicht gesehen!“ „Wie schön!“ „Gut siehst du aus!“ „Hach, war mal wieder Zeit!“ „Sehen uns ja so selten!“ Lächeln wie am Fließband. Manchmal denke ich, Familienfeiern bestehen nur aus überdimensional künstlich in die Länge gezogenen Begrüßungen und Verabschiedungen.

Hauptsache Kartoffeln

Das Essen war dann traditionell deutsch (mittags: Fleisch, Gemüse, Kartoffeln,

Noch eine Tafel

Noch eine Tafel

Soße. Alles rustikal auf Servierplatten dargereicht. Zum Dessert gabs Eis mit Sahne). Sahne ist ein sehr wichtiges Utensil bei unseren Familienfeiern. Waren ja alle noch im Krieg. Hatten ja nichts damals. „Iss doch tüchtig Kind. Gibt doch lecker Sahne! Gaby, das Kind isst ja gar nichts“ (Ich hasse Sahne und Butter und Fett überhaupt!) Dann am Nachmittag gabs das obligatorische Kännchen Kaffee und Torte mit Sahne (Schwarzwälderkirsch, gedeckter Apfelkuchen und Marzipan-Nuss). Ich würde ausflippen vor Freude, wenn mal einer auf die Idee käme, ein italienisches Buffet oder spanische Tapas zu ordern. Zum Kaffee vielleicht Petit Fours? Aber so etwas gibt es bei uns nicht. Das mögen sie alle nicht. Wat de Buur nich’ kennt…!

Eine Rede! Eine Rede!

Jeder mit Geltungsbedarf hielt eine endlose Rede. Jedes Mal, wenn wieder einer mit einem Besteck an ein Glas klirrte, zuckte ich zusammen! Nein, nicht noch eine Rede. Und dann immer dieses: „Ich bin kein Freund großer Worte…“ oder „Keine Angst, ich rede nicht lange…“ und dann taten sie es doch. Sie redeten und redeten und redeten. Und meistens so viel dummes Zeug, dass ich immer schwankte zwischen in die Tischkante beißen und Tränen lachen. Darf man ja aber alles nicht. Man ist ja gut erzogen.

Als dann die peinlichen Kinderfotos rausgeholt wurden, hielt ich es nicht mehr aus. Ich täuschte einen unaufschiebbaren WC-Besuch vor und dehnte ihn auf fast eine halbe Stunde aus. ‚Ich kann da nicht mehr rein gehen. Ich hasse das alles.’, dachte ich und beschäftigte mich mit meinem Smartphone. Als ich irgendwann doch zurück musste, konnte ich nur ganz knapp widerstehen, nicht in die düstere, kleine Hotelbar einzubiegen und mir einen starken Cocktail zu bestellen. Auf unseren Familienfeiern wird kein Alkohol getrunken. Nie! Das verschärft die Situation umso mehr. Der Gatte und ich sind die einzigen verkommenen Objekte.

Bei einer von diesen unzähligen Reden erwähnte der Bruder des Gatten, er hätte seiner Mutter bei seinem Auszug von zu Hause damals einen Teddy geschenkt, damit sie nicht so traurig war, dass er nun erwachsen war und eigene Wege ging. Daraufhin erzählte die Schwester des Gatten, sie hätte der Mutter bei ihrem Auszug eine Puppe dagelassen, damit die Mutter nicht so traurig war. Also fragte ich den Gatten laut: „Und, was hast du beim Auszug dagelassen? Eine leere Bierflasche?“ Wir beide lachten herzlich und alleine.

Dann spielten die Kinder Blockflöte und ich dachte, wenn ich nicht sofort verpuffe, passiert hier ein Unglück. Aber alle anderen guckten so glückselig, also muss es wohl schön gewesen sein.

Noch eine Tafel

Noch eine Tafel

Und plötzlich ist alles vorbei

Zum Schluss dann noch gefühlte drei Stunden Verabschiedung! „Schade, dass es schon vorbei ist!“ „Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!“ „Bleib gesund.“ Immer lächeln.

Ich wartete noch kurz im Lokal auf den Gatten, als sein Vater zu einer alten Dame am Nebentisch ging und sich für das Flötenkonzert entschuldigte. Die Dame aber sagte: „Ach was. Das kenne ich alles noch von früher. Genießen Sie nur Ihre Familienfeiern, so lange Sie noch können. Sehen Sie mich an. Ich bin jetzt ganz alleine. Denn ganz plötzlich sind sie vorbei und kommen nie wieder. Die Familienfeiern.“

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