Hinterlasse einen Kommentar

Ein Nachmittag im Café

Seltsam, dass die meisten Tische unbesetzt waren, als sie an diesem Nachmittag die Terrasse ihres Lieblingscafés betrat. Sicher, dunkle Wolken zogen in rascher Geschwindigkeit über die Stadt hinweg, so dass man ständig dachte ‚Na, wird es gleich regnen?’, aber zeitgleich warf die Sonne beinahe weiße Strahlen über die hohen alten Gebäude im Jugendstil.

Sie hatte von dieser Situation geträumt. Den ganzen langen, harten Arbeitstag hatte sie davon geträumt, frei zu sein von Telefonklingeln, nörgelnden Kollegen und Emailplingen rund um die Uhr. Erleichtert lächelnd ließ sie sich auf einen harten Gartenstuhl aus Holz fallen und stützte die Ellenbogen auf dem zum Stuhl passenden Tisch auf. Sie bestellte einen Café au Lait und lehnte sich dann zurück, um die umherschwirrenden Eindrücke in sich aufzusaugen.

Was für ein unermesslicher Luxus. Allein zu sein. In einem Café zu sitzen und ohne irgendetwas zu tun, den Menschen beim Fließen zu zusehen. Da drüben vor dem lila Haus, mit der Weinhandlung unten, saß ein Mann auf einer Bank und rauchte. Vor dem Café standen vier parkende Autos. BMW, Mercedes, Audi und Opel. Alles deutsche Marken. Zwei waren rot, zwei waren silbermetallic. Sie lächelte milde. ‚Wir sind einfach nicht so ausgefallen. Das ist auch sympathisch.’

Die Kellnerin brachte einen dampfenden Milchkaffee und sie rührte vorsichtig den Zucker in den Milchschaum, wobei die weißen Bläschen schleierartig über den Rand der Schale traten und sich einen Weg auf die Untertasse bahnen wollten.

Milchkaffee

Ein älterer, kleiner Herr betrat die Terrasse und setzte sich in angemessenem Abstand an einen Tisch nahe dem Eingang. Sie fand es angenehm, dass in dem Café so wenige Gäste waren. So konnte man den Blick auch einmal in die Weite schweifen lassen. Irgendwie ließ der ältere Herr ihre Gedanken nicht los. Er erinnerte sie an jemanden. Jemanden, den sie nicht in angenehmer Erinnerung hatte. Das verriet ihr die innere Unruhe, die allmählich in ihr hoch kroch. Vorsichtig linste sie hinüber. Er las in der Tageszeitung und rauchte. Rauchte und lächelte und las.

Sie blickte auf die andere Straßenseite, wo das kleine italienische Bistro geöffnet hatte. Zwei Pizzabäcker saßen draußen und tranken Espresso. Nachmittag. Da gab es noch nicht so viele Pizzen zu backen. Sie versuchte auch zu lächeln. Sich wieder zu entspannen. Sich wieder auf den Milchkaffee zu konzentrieren. Doch sie ertappte sich dabei, wie sie wieder zu dem älteren Herrn herüber schaute.

Ja, er erinnerte sie an Karsten. Karsten, ihren ehemaligen Chef. Sie kicherte angespannt in ihren Kaffee und dachte: ‚15 Uhr? Wenn er sich jetzt ein Bier bestellt, ist es wirklich Karsten.’

Ein anderer Gast kam und setzte sich, passender Weise, an den Tisch, der zwischen dem älteren Herrn und ihr stand. Damit war ihr die Sicht genommen. Sie schüttelte ihren Kopf bis in die Schultern und ersuchte sich selbst zu entspannen. Es war bisher so ein schöner Nachmittag gewesen und den wollte sie sich nicht von einem Gast zerstören lassen. Sie lehnte sich auf dem unbequemen Stuhl zurück und blinzelte in den Himmel. Die Sonne wurde nun gänzlich von grauen, wassergetränkten Wolken verdeckt. Die Atmosphäre auf der Terrasse schien sich plötzlich zu verdüstern. Die unzähligen leeren Tische, die nur jeweils mit einem roten Plastikaschenbecher bestückt waren, machten einen traurigen Eindruck.

Karsten Bellmann. Er war stellvertretender Abteilungsleiter, als sie neu ins Team kam. Und er brauchte jemanden, an dem er seine Machtstellung ausleben konnte. Eine junge Frau, neu im Team, war da bestes Material. Er ließ keinen Moment aus, sie zu demütigen, herumzukommandieren und zu schikanieren. Sie war damals zu jung und zu ängstlich, um einen Ausweg zu finden. Sie teilte sich mit ihm ein Büro und so schienen die Räume in dieser Firma für sie von Tag zu Tag enger zu werden. Da halfen auch keine bodentiefen Fenster und modernste Architektur. Sie ging jeden Tag mit Magenschmerzen zur Arbeit und weinte jeden Abend auf dem Heimweg. Telefonierte sie mit Kunden, unterbrach er sie und nahm das Gespräch selber an. Er erklärte dem Kunden, dass sie noch viel zu neu und zu jung war, um den Kunden gut zu beraten. In großen Besprechungen fragte er sie nach Ergebnissen, die eigentlich erst Wochen später hätten fertig sein müssen, nur um sie dann wegen ihrer Tranigkeit zu rügen. Er schickte sie zum Kaffeeholen und Schnittchenschmieren und er vergaß sie über wichtige Termine zu informieren. Karsten Bellmann. Wie lange war das her? 10 oder 15 Jahre?

Der Gast, der ihr als spanische Wand fungiert hatte, war wie durch Zauberhand verschwunden. Sie schielte zu dem älteren Herrn und, ja, er hatte sich am Nachmittag ein Bier bestellt.

Karsten Bellmann. Das war sein großer Fehler. Er war Alkoholiker. Er war ein dünner, kleiner, tattriger Mann, der jeden Morgen mit einer Alkoholfahne und zittrigen Fingern ins Büro kam. Der bei jedem kleinsten Anflug von Hektik schier zusammenbrach und der in der Mittagspause schnell weg musste um sein Bier zu trinken. Alkoholiker und Kettenraucher. Karsten Bellmann. Sie war plötzlich wieder in der Zeit von damals. Sie hatte ihn so gehasst. Für seine Tyrannei einerseits, anderseits für seine große Schwäche, sein Leben nicht geregelt zu kriegen.

Die Terrasse des Cafés war so groß und dennoch gab es an diesem Nachmittag nur zwei Gäste. Sie und Karsten Bellmann. Sie wollte bezahlen. Wollte so schnell wie möglich hier weg. Ihre Schultern schmerzten vor Anspannung. Ihr Kopf dröhnte. Nein, sie konnte nicht mit ihm sprechen. Auf keinen Fall wollte sie die Smalltalknummer mit ihm durchziehen. Ihre gute Erziehung gebot es zwar, dass sie nun aufstand, zu ihm ging und lässig fragte: „Hey, hallo, wie geht es dir?“ Aber das konnte sie nicht. Sie wollte ihn nicht sehen. Wo war nur die Kellnerin hin? Die hatte sich nicht mehr bei ihr blicken lassen, seit sie den Milchkaffee gebracht hatte. Krampfhaft blickte sie in die entgegen gesetzte Richtung, nur um ja nicht aus Versehen Blickkontakt mit Karsten zu kriegen.  Sie merkte, wie die Terrasse immer kleiner wurde. Die Wolken verdunkelten die ganze Szene immer weiter und ihre Schultern verkrampften mehr. Der Hals tat ihr weh vom energischen zur-Seite-gucken.

‚Ich muss hier weg!’ dachte sie beinahe panisch. Aber wie? Er saß direkt neben der Eingangstür zum Café. Sie musste aber zum bezahlen dort rein. Schnell ging sie ihre Möglichkeiten durch: 1. Gehen ohne zu bezahlen (selbst Schuld, wenn der Service so schlecht war!) 2. Geld auf dem Tisch liegen lassen (sie wusste aber nicht, was sie schuldig war) 3. Rein gehen zum Bezahlen und kurz und souverän mit Karsten drei Worte wechseln, dann lässig den Heimweg antreten (NO WAY!) 4. (und das tat sie dann auch) Sie nahm ihre Handtasche, ging, den Blick stur auf den Boden geheftet, ins Café, bezahlte und ging ebenso stur wieder hinaus. Sie lief ohne stehen zu bleiben an Karsten vorbei bis sie auf dem Gehweg an der Straße stand. Erst dort traute sie sich wieder hoch zu schauen und Luft zu holen.

Sie hatte es gehört, das leise, kriechende und zynische ‚Hallo!’ von Karsten, das sich an ihr fest zu krallen schien. Hatte es in ihrem Nacken gespürt, wo es von den angespannten Muskeln abzuprallen schien und wieder von ihr abließ.

Sie ging, verspielt die Handtasche schwingend, heimwärts. Nein, sie hatte sich nicht kindisch verhalten und war auch nicht unverschämt gewesen. Es gab einfach Menschen, mit denen musste man nicht reden. Nie.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: