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Die Trattoria

In meiner Straße (ja, das ist nicht übertrieben. Für mich ist das meine Straße und alle Geschäfte, alle Nachbarn, die hier leben, sind einzig zu meiner Unterhaltung hier) gibt es einen kleinen italienischen Laden. Komplett gefliest. Mit großer, beleuchteter Kühltheke, gefüllt mit Käse, Mortadella, Kapern, Salami und Schinken. Es gibt einen opulenten Terrazzofußboden und ein paar sperrige Regale aus Holz mit Wein, Pasta und Kaffee.

Espresso

Den Innenraum füllen verschnörkelte Stehtische und Barhocker. Nicht bequem, aber irgendwie passend. Auf dem Rückbuffet steht eine sehr alte, sehr schöne Espressomaschine und es duftet nach Kaffee und Knoblauch. Jeden Tag gibt es Ciabatta belegt mit Provolone oder Mozzarella, frisch gepressten Orangensaft und mittags wechselnde Pastagerichte. Geführt wird der Laden von zwei italienischen, feurigen Schwestern und deren Mutter. Die Schwestern sind um die 40, vielleicht etwas jünger, schwarzhaarig mit dunklen Augen, sehr weich und rundlich und immer für ein Schwätzchen an der Tür oder am Kaffeetresen zu haben.

Das alles jedenfalls erzählt mir der Gatte. Der Gatte kommt auf dem Weg zum Bücherlager täglich bei den Italienerinnen vorbei, bremst scharf und genehmigt sich erstmal einen Latte Macchiato. Ich komme auch quasi täglich an dem Laden vorbei, da ich ja zum selben Bücherlager muss, allerdings nicht zu den gleichen Zeiten. Und so kommt es, dass ich immer an der Trattoria vorbei fahre und nicht scharf bremse und so auch gar nichts weiß, von diesen netten Menschen dort.

Eines Tages lud der Gatte mich einmal ein, ihn zu begleiten. Auf eine Bremsung, einen Latte Macchiato, ein Ciabatta und ein Schwätzchen. „Hallo!“, grüßte ich lächelnd und sog freudig die Atmosphäre in mich auf. „Hallo.“, grüßte die Italienerin frostig zurück und musterte mich von oben bis unten mit ernstem Blick, als sie den Zuckerstreuer brachte.

„Das ist meine Frau.“, sagte der Gatte beifallheischend zu der Italienerin und legte jovial die Hand auf meine Schulter. Aber sie nickte nur ernst ohne mich noch weiter zu beachten. Dann verwickelte sie den Gatten in ein Gespräch über irgendwelche Neuigkeiten aus dem Viertel. Ob er gehört hätte, dass. Und ob er jenes gesehen hätte. Ich rührte derweil stumm in meinem Espresso, hörte zu und lächelte brav weiter. „Die ist so nett, oder?“, strahlte der Gatte auf unserem später fortgesetzten Weg. „Geht so.“, antwortete ich und fragte mich, was er genau mit nett meinte.

Espresso

Immer wieder, wenn ich an der pfundigen Italienerin vorbei kam und sie draußen stand, knipste ich mein schönstes Lächeln an und rief ihr einen begeisterten Gruß zu. Ich wollte so gerne einmal NETT kennenlernen. Leider kam nie etwas zurück. Nicht mal ein Gruß. Eigenartig. Also ließ ich den Gatten lieber wieder alleine in die kleine Trattoria gehen.

Vor unserer letzten Urlaubsreise holten wir uns dann bei der „netten“ Italienerin einen Coffee to go für die Fahrt und als wir gemeinsam den Laden verließen, sagte die Dunkelhaarige zum Gatten: „Ich wünsche dir einen ganz schönen Urlaub!“ Der Gatte freute und bedankte sich. Dann gingen wir zum Auto und ich merkte zaghaft an: „Schade, dass sie mir keinen schönen Urlaub wünscht.“ „Das meint sie nicht so. Wenn sie mir einen schönen Urlaub wünscht, meint sie uns beide.“ Oh.

Wir leben nun seit mehr als vier Jahren in dieser Straße und der Gatte besucht fast ebenso lange seine Trattoria. Sie tauschen sich dort fast täglich über den Klatsch und Tratsch des Viertels aus und der Gatte kriegt seine italienische Portion Koffein. Die Beziehung zwischen der feurigen, runden Italienerin und mir blieb frostig und irgendwie beschleicht mich immer wieder der Verdacht, dass sie mir einfach nicht verzeihen kann, dass ich die Gattin bin und sie nur den Espresso macht.

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