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Ich esse kein Fleisch und ich will nicht darüber reden!

Ich bin Vegetarier. Ein richtiger, überzeugter Ovo-Lacto-Vegetarier. Und ja, ich bin es gern und ohne Reue seit nun mehr 15 Jahren. Und ja, ich trage Schuhe aus Leder!
Ich muss hier einmal in aller Ausführlichkeit kund tun, was man sich als Vegetarier in unserer ach so toleranten und aufgeklärten Gesellschaft alles anhören muss. Zunächst einmal bin ich jemand, der mit seinem Vegetarier-Dasein nicht hausieren geht. Ich finde, dass ist wie mit der eigenen Sexualität: es geht einfach niemanden etwas an!

Aber wenn es denn schon Menschen um einen herum gibt, die es sowieso wissen, wie Familie und Freunde, dann gehen Sie mal mit denen essen. Nach nunmehr 15 Jahren ziehen die Leute um mich herum beim Lesen der Speisekarte im Restaurant immer noch erstaunt die Augenbrauen hoch und nicken anerkennend, wenn sie sehen, dass es ein bis drei vegetarische Gerichte auf der Speisekarte gibt und lesen sie mir vor. „Ach, guck mal, wie schön! Hast du gesehen, hier gibt es auch Gemüseplatte mit Bechamel-Sauce extra für Vegetarier.“  Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber auch ich als Vegetarier bin des Lesens durchaus mächtig!

Kommt man dann zu den Lieben nach Hause, geht der Ärger erst richtig los. Mutter macht Weihnachten einen Braten und ist schon im Juli ganz aus dem Häuschen: „Aber was machen wir denn mit dir Weihnachten, Kind? Was isst du denn bloß, Kind?“ Ich antworte natürlich jedes Jahr dasselbe: „Ich esse das gleiche wie ihr, nur ohne Braten.“ Ist das nicht wahnsinnig kompliziert? Eltern einer bestimmten Generation kommen einfach nicht damit klar, dass man auch von Kartoffeln und Gemüse satt werden kann.

Gehen Sie als Vegetarier in Restaurants mit sogenannter gehobener Küche, dann haben Sie natürlich keine Existenzberechtigung. Man hat hier das Gefühl, dass ein Essen ohne Fisch und Fleisch schier eine Beleidigung für den Chef de Cuisine darstellt. Man soll einfach seinen Tofu fressen und zu Hause bleiben. Ich gehe ja gerne sehr gut essen und für mich sind die wirklichen Künstler in der Küche die, die aus Gemüse, Proteinen und Kohlenhydraten richtige Gaumenfreuden zaubern können. Die gibt es tatsächlich, aber leider selten und in der Sterneküche kaum. Armselig eigentlich.

Gehe ich nun mit Kollegen, Geschäftsleuten oder anderen mir unbekannten Menschen essen und es fällt irgendwann unweigerlich auf, dass ich kein Fleisch bevorzuge, gibt es stets zwei Varianten an Reaktionen:

1. Die „Wir-essen-ja-auch-kaum-Fleisch-Rechtfertigungs-Fraktion“
und
2. die „Dann-dürfen-Sie-aber-auch-keine-Lederschuhe-tragen-Fraktion“

Sie merken es natürlich gleich: Egal, welche Fraktion Sie gerade am Tisch sitzen haben, Sie müssen diskutieren. Sie können sich niemals, ich wiederhole: NIEMALS als Vegetarier einfach nur Essen bestellen und den Abend genießen. Man hat eine bestimmte Art des Ernährens gewählt und dafür muss man sich eben für den Rest seines Lebens rechtfertigen.

Fraktion Nr. 1 ist eher harmlos. Sie erklären einem in langen Ausführungen, dass sie ja auch in der Woche kaum Fleisch essen. Höchstens mal sonntags, Fisch dann am Samstag, ansonsten gibt’s ja abends nie Fleisch, immer nur Wurstbrot. Sie legen auch Wert darauf, klarzustellen, dass sie sich ohnehin ganz und gar gesund ernähren mit viel Obst und Gemüse. Ich denke, dass an der Stelle von mir erwartet wird, dass ich sie lobe. Und das tue ich dann auch artig. Ich nicke zustimmend, werfe ein „Gut so!“ oder „Ja, toll!“ ein und streichle ihnen mit harmonischen Blicken das Köpfchen. Natürlich weiß ich, dass all diese Menschen nach dem Essen aufstehen und unter vorgehaltener Hand sagen: „Vegetarier, diese Scheiß-Ökos. Haben wir gar nicht nötig.“ Ist auch okay.

Schwieriger ist da Fraktion Nr. 2. Sie wollen diskutieren. Sie wollen genau erklärt bekommen, warum man auf Fisch und Fleisch verzichtet und scannen jeden hervorgebrachten Satz nach einem Fehler ab. Sie suchen intensiv nach einer Provokation und einer Diskussionsbasis. „Warum tragen Sie dann Lederschuhe?“ „Warum essen Sie vegetarische Bolognese und vegetarische Grillwürstchen, wenn Sie doch Fleisch verabscheuen?“ „Warum trinken Sie Milch und essen Eier, wenn Sie gegen Massentierzuchthaltung sind?“ „Vegetarier wollen einem immer ihre Einstellung aufzwingen.“ Sehen Sie, ich habe auf all diese Fragen Antworten. Ich diskutiere nun seit schlappen 15 Jahren immer wieder, wirklich immer wieder bei jedem Essen mit dem gleichen Schlag Mensch. Ich versichere Ihnen, ich habe die besseren Antworten. Immer. Ich gewinne jede Diskussion.

Aber, warum muss ich mich denn tagtäglich dafür rechtfertigen, kein Fleisch zu essen? Warum nerve ich denn nicht andersherum die Menschen, die NICHT Vegetarier sind? Weil es nervt! Denken Sie einmal darüber nach. Kann nicht jeder Mensch an einem Tisch essen und trinken, was er für richtig hält ohne sich lange in Diskussionen verwickeln lassen zu müssen? Welches Recht haben diese Leute, mir kritische Fragen zu stellen, die sie lieber an sich selbst richten sollten? Diese Menschen haben Angst. Angst davor, dass sie eventuell in ihrem Leben etwas falsch machen und ich ihnen einen Spiegel vorhalte. Ihnen am Ende der Gedanke kommt, dass ich recht haben könnte. Aber das will ich gar nicht. Recht haben. Ich will einfach so leben, wie ich Lust dazu habe und ich will, dass jeder andere das auch tut. Ohne Diskussion. Das ist der Grund, weshalb ich diese provokanten Fragen nie zurück stelle.

Ich beende die Diskussionen heute meistens gleich am Anfang mit einem kurzen und knappen: „Ich esse kein Fleisch, weil ich es nicht mag“-Statement. Das scheint die Menschen zu beruhigen, habe ich festgestellt. Geschmackssache ist offenbar einfacher zu akzeptieren, als Ideologie und eigene Meinung. Mir hat sogar schon mal ein Bekannter gesagt, ich wäre ein „guter“ Vegetarier, weil ich nicht missionieren gehe! Unfassbar! Gute und schlechte Vegetarier!

Auch heute noch glauben so viele, wenn man Vegetarier ist, muss man auch Sandalen tragen, sich in Walleröcken und formlosen Blusen kleiden und in einer Kommune wohnen. Merken Sie, wie bescheuert diese Vorurteile sind? Ich bin mit Sicherheit kein „Öko“ (was auch immer das ist). Ich trage Designer-Schuhe, esse abends Chips, Schokolade und trinke Wein oder Cola. Das hat sicher nichts mit gesunder Ernährung zu tun. Vegetarier bin ich einfach aus Überzeugung und Sie sollten Ihre Vorurteile gegenüber Vegetariern einfach mal in einem stillen Kämmerlein überdenken! Ich bin essenstechnisch mit mir selbst im Reinen, Sie auch?

Vielleicht denken Sie beim nächsten Vegetarier am Tisch mal an meine Kolumne und sagen einfach gar nichts. Mir könnte nichts Schöneres passieren, als wenn ich nur einmal ohne dieses Thema zu Tisch gehen könnte. Ich will kein Fleisch essen und ich will nicht darüber reden!

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2 Kommentare zu “Ich esse kein Fleisch und ich will nicht darüber reden!

  1. Fantastisch dein Artikel! Du sprichst mir WIRKLICH aus der Seele! 😀
    – Die Verwandtschaft, die nicht glauben kann, dass es noch andere essbare Dinge außer Fleisch gibt. Immer das gleiche bei mir. Als wäre Fleisch das Hauptnahrungsmittel…
    – die „Wir-essen-ja-auch-kaum-Fleisch-Rechtfertigungs-Fraktion“: Haha, die Reaktion kommt wirklich fast immer! 😀
    – Ich sage auch immer, dass ich Vegetarierin bin, weil ich kein Fleisch mag. Ist vermutlich wirklich die beste Antwort^^ Das wird am ehesten noch akzeptiert! 😉

    Und was mich noch zusätzlich stört, ist, wenn jemand sagt: „Oh, du bist Vegetarierin? Ja dann KANNST du xy ja gar nicht essen!“ Falsch. Denn dann ESSE ich xy nicht! Schließlich bin ich freiwillig Vegetarierin… 😉

  2. Danke für deinen Kommentar. Tut mir immer gut, zu wissen, dass es anderen auch so geht. Manchmal denke ich, ich bin die einzige Vegetarierin auf der Welt, weil in meinem Bekanntenkreis alle Fleisch essen. 🙂

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