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Hochzeitstag

Für den Gatten

Der Gatte und ich hatten Hochzeitstag. Wie jedes Jahr schwanken wir vor diesem sagenumwobenen Tag zwischen ignorieren oder die Korken knallen lassen. Und jedes Jahr wird dieser Tag ein Mischmasch aus ignorieren und Korken knallen lassen.

Die Planungen für den Tag sind langwierig bis langweilig. Wir unterbreiten uns gegenseitig die üblichen 08/15-Vorschläge: Wegfahren in ein romantisches Hotel? Hmm, wir waren ja erst letztes Wochenende weg. Schick essen gehen? Tja, wir gehen ja jede Woche schön essen. Vielleicht ein paar Kerzen anzünden und uns Rosen schenken? Schmuck? Reizwäsche? Und da verließen sie uns dann, die Ideen zur Romantik. Und ich stelle mir, wie immer, die Frage:

Was ist eigentlich Romantik? Und liegt sie nicht im Auge des Betrachters?

Wikipedia sagt dazu nur Folgendes: „Im heutigen, allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Romantik mit dem Adjektiv romantisch die Eigenschaft einer Sache oder eines Ereignisses, Menschen mit Liebe und Sehnsucht zu erfüllen, so etwa in den Wortverbindungen „romantische Liebe“, „romantische Musik“ oder „ein romantischer Brief“.“

Eine etwas unzureichende Erklärung für einen Begriff und eine „Verpflichtung“, mit der wir fast inflationär um uns werfen. Mich verwirrt das.

 Kerzen und Rosen?

Wir entschieden uns schließlich (wie übrigens jedes Jahr) dafür, alles auf uns zu kommen zu lassen und dann spontan zu entscheiden.

Wir hatten locker im Auge an unserem Hochzeitstag zu der kleinen, romantischen (da ist es wieder) Kirche auf einem ehrwürdigen Klosterhof zu fahren, in der wir getraut wurden. Anschließend wollten wir in das Hotel in der traumhaften Altstadt fahren, in dem wir damals gefeiert hatten, für ein dekadentes Abendessen, eine Flasche Wein und eine Nacht in der schönsten Suite. Diese Planung erschien mir sehr hochzeitstagswürdig und sehr „romantisch“.

Nun war er da, der große Jubiläumstag. Der Himmel war grau. So ein silbriges, lichtdurchflutetes Grau. Gleichförmig und ebenmäßig mit keiner Aussicht darauf, dass sich andere Himmelsfarben Bahn brechen würden. Es regnete feine, durchscheinende Edelsteinchen und die vorbeifahrenden Autos zogen ein endloses Geräusch von zischendem Wasser hinter sich her. Vor Jahren, als wir getraut wurden, schien die Sonne den ganzen Tag bei angenehmen 20 Grad. Ich werde das nie vergessen. Wir hatten so viel Glück und haben es immer noch. Unheimlich, manchmal.

Wir ließen uns treiben durch diesen Tag, ohne groß zu reden. Der Gatte lag auf dem Bett, hatte sein Notebook auf den Knien und arbeitete. Ich lag daneben, völlig versunken in einen Roman aus der Trivialliteratur, während der Ipod uns Songs der großartigen Diana Krall vorspielte. Wir hatten uns noch nicht mal gewaschen, obwohl es schon nachmittags war. Ich schaute irgendwann zum Gatten herüber und wusste plötzlich:

Nähe und Verbundenheit!

Das ist genau das, was ich an diesem Jubeltag tun möchte. Herumliegen und mich gemeinsam treiben lassen ohne getrieben zu sein. Ich fühle diese Nähe und Zufriedenheit in mir. Spüre seinen Blick antworten, dass er dasselbe denkt. Und ich weiß, es gibt für mich nichts Romantischeres, als so verbunden zu dem Menschen neben mir zu sein. Ohne Worte, ohne Absprachen. Intuitiv. Einfach nur sich nah sein und sich wohlfühlen.  Dafür brauche ich kein schickes Restaurant, keinen Strauß Rosen oder ein teures Wochenende. Das alles kann ich immer haben. Diese Nähe und Vertrautheit, dass ist für mich die kostbarste Romantik.

 

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