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Das ruhige Mädchen

Plädoyer für schüchterne Menschen

Zu meiner Schulzeit war ich schüchtern und introvertiert. Das war schlecht! Hat man mir jedenfalls gesagt. „Du musst reden!“ „Du musst laut sein!“ „Du MUSST mehr aus dir herrausgehen!“ Gebetsmühlenartig wurde ich konditioniert, dass meine Art zu leben und mich zu verhalten (zurückhaltend, abwartend, nachdenklich), falsch ist.

Zeugnis dessen

Dass das falsch war, habe ich schriftlich. Alle meine Schulzeugnisse sind mittelmäßig. Mittelmäßig nicht, weil ich schlechte Klausuren geschrieben habe oder einfach doof oder faul war. Nein. Sie waren mittelmäßig, weil zu meiner Schulzeit die mündliche Note 50 % der Gesamtnote ausmachte und da ich im mündlichen Bereich immer zwischen 0 – 5 Punkten herumdümpelte (je nach Sympathie des allmächtigen Lehrers!), hatte ich keine Chance mich zu verbessern.

Doch, ich hatte eine Chance. Reden. Reden, reden, reden. Die Message lautete: Labere dich um den Verstand, mache auf dich aufmerksam. Schrei, so laut du kannst. Nur ein lauter Mensch ist ein intelligenter Mensch! So lautete die Message.

Ungerechtigkeit

Noch heute kriege ich Amokfanatsien, wenn ich an die Ungerechtigkeit dieses Systems denke. Ein Lehrer stellt Fragen, die ich beantworten kann. Aber ich melde mich nicht, weil ich Lampenfieber habe. Oder ich kann sie nicht beantworten, weil ich mehr Bedenkzeit benötige. Oder ich weiß es einfach nicht und brauche mehr Anhaltspunkte. So oder so. Ich habe 45 – 90 Minuten Zeit, mich vor einem Lehrer zu präsentieren und wenn ich nicht seinen Vorstellungen entspreche, werde ich negativ beurteilt. Und glauben Sie mir, ich wurde IMMER negativ beurteilt.

Ganz im Gegensatz zu den lauten, extrovertierten Schülern, die immer etwas zu sagen hatten. Auch, wenn sie nicht gefragt waren. Die hatten gute Noten. Auch wenn ihre schriftlichen Leistungen gar nicht entsprechend waren. Denn allein gelassen mit ihren Gedanken, einem Blatt Papier und einem Stift waren sie nicht mehr so extrovertiert. Das war aber nicht schlimm, denn sie hatten ja in mündlichen Diskussionen gezeigt, dass sie das Thema beherrschten (im wahrsten Sinne des Wortes).

Redner und Schreiber

Andersherum funktionierte das nicht. Ich war immer ein Schreiber. Ich konnte in Klausuren, mir selbst und meinem Denkvermögen überlassen, viel intelligenten Output vorweisen. Eben auch, dass ich das Thema mit dem Stift „beherrschte“. Doch das reichte irgendwie nicht. „Sie kommen im Leben nicht weiter, wenn Sie ihre Schüchternheit nicht ablegen. Sie müssen im Unterricht mehr sagen. Ich kann Ihnen so keine gute Note geben.“ Klar, schüchterne Menschen sind irgendwie sympathisch, aber sie bringen es zu nichts. Sehen wir uns die obere Managementebene in Unternehmen, Banken usw. an: Alles laute, schreiende Alphatiere.

Falsch und fatal

Liebe Lehrer, ich habe im Leben bisher schon SEHR viel erreicht. Ich strebe stets nach Höherem und habe viel Ehrgeiz. Die Gleichstellung, „Wer nichts sagt, ist doof und wird es im Leben zu nichts bringen“ ist falsch und fatal. Sie nehmen den Schülern damit eine persönliche Eigenschaft, die KEIN Fehler ist, sondern eine Eigenart. Jeder Mensch sollte doch selber für sich herausfinden dürfen, wie er leben und sich nach Außen geben möchte. Das wird aber unterdrückt von Lehrern, Eltern und Außenstehenden, die den Kindern immer wieder einreden Introvertiertheit und Schüchternheit seien schlimme Fehler.

Ich hatte eine einzige Lehrerin, die ich niemals vergessen werde, die Persönlichkeiten anerkannt und bestehen lassen hat. Die einmal zu der ganzen Klasse sagte: „Schriftseller1 beteiligt sich weniger als andere an Diskussionen, aber wir alle sehen, dass der Verstand geschärft ist und dass sie immer konzentriert unserem Gespräch folgt. Das lese ich dann später in den Klausuren. Mir fällt kein Grund ein, dass negativ zu bewerten.“ Damit war die Lehrerin meine persönliche Heldin. Sie war mutig und anders, aber jeder hat das so akzeptiert und mir wurde unendlicher Druck von den Schultern genommen.

„Quiet people have the loudest minds.“ (Stephen Hawkings)

Ihr ruhigen, sympathischen Menschen unter uns:

Geht einfach immer weiter! Lasst euch nicht aus der Ruhe bringen!

 

 

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7 Kommentare zu “Das ruhige Mädchen

  1. Ein mutiger und sehr gelungener Artikel, mit dem ich mich teilweise auch sehr gut identifizieren kann.

  2. Oh wahre Worte 🙂
    Mein Biolehrer sagte einmal vor der gesamten Klasse „Wenn Ihr etwas nicht verstanden habt, fragt J.. Sie sagt zwar nichts, aber ich bin sicher, sie hat es begriffen!“ War neben Kunst mein einziges Fach im Einserbereich …

  3. Kommt mir irgendwie seeehr bekannt vor. Ging mir auf dem Gymnasium kein bisschen anders. In meiner Ausbildung, hatte ich auch eine Lehrerin, die mein Verhalten sehr ähnlich beurteilt hat, wie deine „Heldin“ ;). Schön, dass es hin und wieder auch noch solche Lehrer gibt! 😀

  4. Ja, ich hoffe, dass ein paar Lehrer diesen Aretikel lesen und sich mal hinterfragen. 🙂

  5. Herzlichen Dank für diesen Text. Ich finde mich komplett in deinen Worten wieder! 🙂

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