Ein Kommentar

Alte Dame mit Hund

Mein Hund ist ein Stadthund. Sie liebt die Parks von Hannover. Leider lieben meine werten Stadtteilteiler den Hund nicht so, wie sie sollten. So ist der schöne, begrünte Platz auf der anderen Straßenseite auch geradezu gepflastert mit „Hundeverbotsschildern“. Davor haben wir natürlich Respekt.

Hundeverbot

Hundeverbot

Aber nachts, weit nach Mitternacht, wenn alle Menschen schlafen und ich mich ans Fenster stelle, dann sehe ich sie. All die Hunde, die zur nächtlichen Runde nicht widerstehen können, den kleinen Park zu erobern. Sie flitzen klammheimlich durch die Hecke, schnüffeln an einer Parkbank und scharren kurz im Gebüsch. Hier bellen sich die Hunde nicht an, denn so leinenlos und frei, haben sie alle etwas gemeinsam.

Seit dem Winter sah ich aus meinem Fenster den Gatten fast jede Nacht im Park mit einer recht betagten Dame und ihrem kleinen Westhighland Terrier stehen. Sie redeten kaum. Die Dame war in dickem Mantel und Mütze und Schal gehüllt, so dass man sie schwer erkennen konnte. Schrullig würde ich sie beschreiben. Sie liebte Hunde, so dass sie stets eine Tasche voller Hundeleckerlies bei sich trug. Es war klar, dass mein Hund die alte Dame liebte. Und ihr kleiner Terrier war so freundschaftlich selbstlos, dass er ohne Murren seine Leckerlies teilte. So saßen fast jede Nacht mein Hund und der Terrier aufmerksam vor der alten Dame und ließen sich verwöhnen. Nur ein paar Minuten, dann ging jeder wieder seiner Wege auf dem „verbotenen Platz“. Es waren angenehme Begegnungen mit der alten Dame und oft fragten wir uns, wie sie wohl sonst im Leben zurechtkam.

Irgendwann im Frühjahr fiel mir dann auf, dass die alte Dame nicht mehr da war, genauso wenig wie ihr Hund. Immer wieder sprachen der Gatte und ich darüber. Sehr oft stand ich nachts am Fenster und suchte mit den Augen den dunklen Park nach ihr ab. Aber weder die alte Dame noch der kleine, weiße Hund waren mehr gekommen.

„Ich weiß, wo sie wohnt. Ob wir dort mal klingeln? Bei den Nachbarn? Fragen, ob alles gut ist?“ Diese Frage stellten wir uns oft in den letzten Monaten. Es ist hier ein harmonisches Viertel. Man kennt sich vom Sehen und man weiß in seinem Haus, wer hier her gehört. Unvorstellbar, dass hier jemand tagelang hilflos in seiner Wohnung liegen würde, ohne dass wir es mitbekämen. Oder?

Wir fragten nie. Viel zu groß war der Respekt vor anderer Leute Privatsphäre und die Angst vor Zurückweisung. Mir ließ das mit der alten Dame dennoch keine Ruhe. Je mehr Wochen ins Land gingen, desto trauriger wurde für mich die Gewissheit, dass die alte Dame und der Terrier nicht mehr wieder kommen würden. Was auch immer passiert war. War sie verstorben? Im Krankenhaus? Ins Altersheim gekommen? Unsere Fragen blieben unbeantwortet. Alles blieb offen. Kein Abschied, keine Gewissheit. Und der Hund? Kümmerte sich jemand um den Hund?

Heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit stand ich an einer Ampel und wartete. Ganz in Gedanken versunken sah ich weiter weg, auf der anderen Straßenseite, einen kleinen, weißen Hund laufen und erweckte mich selbst ruckartig. War das nicht…? Mein Blick folgte dem Weg des Hundes und dann sah ich die alte Dame. Ich hätte sie beinahe nicht erkannt. Sie trug keinen dicken Mantel und auch keine Mütze mehr, sondern Sommerkleidung. Aber ja, unverkennbar, es war die alte Dame. Ich war so erleichtert und, ja, fast glücklich, dass ich am liebsten zur ihr herüber gestürmt wäre, um sie zu umarmen. Aber da sie mich ja überhaupt nicht kennt, nahm ich von dieser Idee Abstand.

Ich war einfach froh, dass sie und der kleine Terrier weiterhin ein Teil unseres Viertels und damit unseres Lebens sein werden und der Gatte sie nun vielleicht wieder nachts im „verbotenen Park“ trifft. Unsere Fragen zu ihrem Verbleib werden weiter unbeantwortet bleiben und diese Mystik, die sich um die alte Dame rankt, finde ich faszinierend. Vielleicht ist sie ja auch ganz reich und hat die letzten vier Monate auf ihrer Hazienda in Argentinien verbracht. Lassen wir verwobene Ideen um die alte Dame ranken. Hauptsache, sie ist wieder hier.

 

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Ein Kommentar zu “Alte Dame mit Hund

  1. Nachtrag: Ich habe heute die alte Dame mit Hund wiedergetroffen. Diesmal habe ich mir ein Herz genommen und sie angesprochen. Habe gesagt, dass wir besorgt waren und ob es ihr gut gehe. Sie hat sich gefreut und mir erzählt, dass sie umgezogen ist. In eine Seniorenwohnung in der Nähe. Alles ist gut. Ich bin erleichtert.

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