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Wie wollen wir im Alter leben? Teil 1

Ein Traum – Seniorenresidenz August 2040

20 Uhr. Ich sitze in meinem bordeauxroten Ohrensessel aus flauschigem Samt und schmuse kurz mein faltiges Gesicht an den Stoff, bevor ich mich wieder meinem seniorengerechten Touchpad widme. Das Gerät liegt auf dem schwenkbaren Beistelltischchen, an dem ich täglich mit meinen gelaserten Augen fabelhaft anekdotische Kurzgeschichten verfasse. Nachdem es kurz an meiner Zimmertür geklopft hatte, tritt ein hübscher junger Kerl namens Daniel aus dem Service ein und fragt nach, ob er mir noch Rotwein in meinen Schnabelbecher nachfüllen darf. Selbstverständlich darf er, freue ich mich fröhlich beschwingt. Geistesgegenwärtig füllt er sogleich meine Schale mit Kartoffelchips auf und fragt ob er mir noch etwas Gutes tun könne. Ich danke und schicke ihn fort, zu den anderen Bewohnern.

Zwei Stunden später sende ich meine Dateien ins Universum, beende meine Session am Seniorenpad und greife mir meine Mulitfunktionsfernbedienung. Ich zappe mich halb belustigt, halb frustriert durch ca. 1.000 Programme und stelle einmal mehr fest: Fernsehen ist für Senioren zu laut, zu bunt, zu kreischig. Also drücke ich auf der Fernbedienung den Knopf für den Service und warte, bis der hübsche Daniel 2 Minuten später erscheint.

Mit geschickten Griffen hievt er mich aus meinem heißgeliebten Sessel und begleitet mich quasi in Zeitlupe die wenigen Schritte zu meinem so gemütlichen Bett. Daniel hilft mir bei der Hygiene, zieht mir meinen Lieblingspyjama aus reiner Seide an, der sich so wohltuend auf der Haut anfühlt und den Duft nach frischer Wäsche verströmt, dann lege ich mich bequem zurück, während Daniel den Katheterbeutel leert.

Nachdem ich Daniel gesagt habe, dass ich morgen nicht vor 10.30 Uhr geweckt werden möchte und mir zum Frühstück ein Schoko-Croissant mit Konfitüre, einen Milchkaffee und einen frisch gepressten Orangensaft wünsche, lässt er mich alleine.

Ich wühle mich müde, aber zufrieden in mein weiches Kissen und starte mit meiner Universalfernbedienung mein Hörbuch, dass laut genug neben meinem Kopfteil erklingt. Dann lösche ich das Licht. Ich freue mich auf morgen.

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2 Kommentare zu “Wie wollen wir im Alter leben? Teil 1

  1. Ich bin im Jahre 2040 genau 75 Jahre alt und hoffe, dann noch wie meine Eltern im Garten zu arbeiten und beim Einkaufen die besten Früchte aus dem Regal zu nehmen.

  2. Das wünsche ich mir für mich auch, aber ich habe eben auch eine ganz andere Realität gesehen. Das Altersheim ist und bleibt eine überteuerte und teilweise unzumutbare Alternative. Ich plädiere dafür, dass wir rechtzeitig planen und überlegen, wie wir uns das Leben im Alter wünschen. 🙂

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