4 Kommentare

Wie wollen wir im Alter leben? Teil 2

Die Realität – Seniorenresidenz August 2012

5 Uhr. Die Fenster sind geschlossen und ich habe das Gefühl keine Luft mehr zu kriegen. Olga, die Pflegehelferin, reißt meine Zimmertür auf und stellt eine Waschschale auf meinen Nachtschrank. Mit einem krachenden Ruck stellt sie das Kopfteil meines schmalen Pflegebettes hoch und ruppelt mir mit einem nassen Lappen im Gesicht herum. Erschrocken schnappe ich nach Luft, bevor sie mir ebenso rabiat das Gesicht abtrocknet. Olga zerrt mir mein Flügelhemd von den Schultern und zieht mir einen quietsch-gelben Synthtikpullover an, den ich noch nie vorher gesehen habe. Er riecht irgendwie chemisch und kratzt auf meiner dünnen Haut.

Olga wuchtet mich in einen Rollstuhl und fährt mich in meinen Wohnbereich. Dort macht sie den Fernseher an, auf volle Lautstärke, und geht raus. Ich rufe ihr mit zartem Stimmchen nach, dass der Fernseher zu laut ist, dass ich das nicht sehen will, aber sie ist schon weg. Ich könnte heulen! Es ist zu laut, die Fenster sind immer noch geschlossen und ich sitze nicht richtig. Die linke Seite schläft ein. Tränen steigen mir in die Augen. Ich kann hier so nicht sitzen! Aber ich weiß, dass keine Hilfe kommt, egal, wie oft ich klingle. Sie sind zu wenige Hilfskräfte für zu viele alte Menschen. Ich entferne mich in positive Träume, um den lauten Fernseher und die unbequeme Haltung zu vergessen.

Swetlana holt mich aus meinen Träumen, als sie ein Tablett mit Frühstück vor mir auf den Tisch knallt. Ein halbes Brötchen mit Butter und Marmelade. Eine Hälfte mit Butter und grober Leberwurst. Alles in fingernagelgroße Stückchen klein geschnitten. Daneben eine Schnabeltasse mit schwarzem Kaffee darin. Ich hasse Butter, ich trinke niemals schwarzen Kaffee und ich bin Vegetarier. Nicht aufgeben wollend, mache ich Swetlana darauf aufmerksam.

„Hab ichch kein Zeit fur dichch! Muss ichch so viel Arbeit. Musst du esse oder musst du hunger.“ Dann geht Swetlana und lässt mich allein. Ich knabbere an dem Marmeladenbrötchen, was mir trotz der kleinen Stücke schwer fällt. Olga hatte vergessen, meine Zähne nach der Nacht einzusetzen. Resigniert lehne ich mich in meinem unbequemen Rollstuhl zurück und bin schon wieder kurz vorm weinen, als sich wieder die Tür öffnet. Schwester Inga stellt einen Eimer neben meinen Rollstuhl und lässt den Urin aus meinem Katheterbeutel ablaufen. Dann schaltet sie den brüllend lauten Fernseher aus. „Aber Frau Schriftsteller-Eins! Wir haben ja gar nichts getrunken! Das geht aber nicht. Da werden wir ja ganz doof im Kopf, wenn wir nichts trinken.“ Empört stemmt sie die Arme in die dicke Taille, während im Hintergrund zu hören ist, wie die Pisse in den Eimer tröpfelt. Sie nimmt den Schnabelbecher mit dem inzwischen kalten Kaffee, setzt ihn mir an den Mund und kippt. Ich schlucke, wie eine verzweifelt Ertrinkende, das widerliche, schwarze Zeug herunter, bis sie von mir ablässt. „Na sehen Sie. Geht doch. Da können wir gleich 200 ml in ihr Einfuhrprotokoll eintragen. Ist das nicht toll?“ Sie schnappt sich den Eimer voll Urin und verlässt das Zimmer. Ich ringe immer noch nach Atem. Wann ist das endlich vorbei? Wie lange muss ich das alles noch ertragen? Und dann weine ich.

 

Advertisements

4 Kommentare zu “Wie wollen wir im Alter leben? Teil 2

  1. Ich weine eben auch. Zu grausam das lesen zu müssen.

    Bitte lies bei mir und wenn du magst, dann tu etwas. Was, das wirst du dann lesen. Danke. Mandy

    http://lasssieallereden.wordpress.com/2012/09/10/aufruf-und-bitte-um-eure-hilfe/

    • Vielen Dank für deinen Kommentar. Du darfst diesen Artikel gerne weiter empfehlen. Ich war überrascht, wie gering das Interesse an diesem Thema war. Deinen Artikel habe ich gelesen und die Petition werde ich mir noch ansehen. Mir macht das alles Angst.

  2. Mir auch. Und wie. Danke, das du vorbeigeschaut hast.

  3. Ui, jaaa, sehr realistisch, leider. Zum Glück aber nicht überall so! Bei uns ist das z.B. so: Wenn einer nix trinkt, sollen wir andere Angebote machen. Sollen wir. Hm. Manche tun es, andere nicht. Und jeder hat ja wohl denselben Zeitrahmen zur Verfügung, um seine Arbeit zu schaffen. Manche Kollegen gehören einfach nicht in die Pflege. Zum Glück nur manche. Es gibt auch Anständige, die sich den Allerwertesten aufreißen…

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: