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Wut

Ein Fussballspieler hat seinen Vertrag mit dem Verein gelöst, weil der Mob ihn im privaten Bereich nicht mehr in Ruhe gelassen hat.

Ein Teenager wird vom Pöbel verfolgt, weil er fälschlicherweise für einen Mörder gehalten wird.

Ein Shitstorm bricht über einen User herein, weil er einen „falschen“ Tweet geschrieben hat.

Ein Fahrradfahrer droht mit der Faust, weil ein Fussgänger aus Versehen auf dem Radweg steht.

Eine Limousine fährt auf der linken Fahrbahn mikroskopisch dicht auf den Vordermann auf, hupt, signalisiert mit dem Fernlicht und lenkt wild hin und her.

Es wird geschrien, gedroht und hämisch gelacht.

Was ist hier los? Es ist schon in vielen Blogs über die Wut geschrieben worden. Woher kommt diese Wut? Warum sind wir so schnell reizbar? Wieso bringt ein einziger 140-Zeichen-Tweet uns so schnell auf die Palme, dass wir ihn nicht überlesen können, sondern uns so provoziert fühlen, dass er bitterböse Antworten im Schwall nach sich zieht? Dass wir mal wütend werden, liegt in der Natur der Dinge. Mich würde viel mehr interessieren:

Warum können wir mit dem Gefühl „Wut“ nicht mehr zivilisiert umgehen?

Wut und Aggression hat es ja schon immer gegeben. Sie gehören als Gefühl zum Menschen dazu, wie Liebe oder Trauer. Und dennoch scheint unsere Gefühlswelt immer extremer zu werden. Ich bin irritiert, ob dieser Intensität der Gefühle. Wenn mein, seit der Kindheit vergötterter, Fussballverein verliert, dann bin ich enttäuscht und wütend. Aber ich habe nicht das Bedürfnis gegnerischen Fans aufs Maul zu hauen, Böller zu zünden oder der Mannschaft zu drohen. Wenn mir ein Fussgänger im Weg steht, bitte ich ihn zur Seite zu treten und wenn ein Fahrzeug vor mir langsamer ist als ich, kann ich ihm doch eben die Möglichkeit geben, seinen Überholvorgang abzuschließen und dann wieder beschleunigen. Das sind alles Alternativen zum zivilisierten Umgang miteinander, in einer Gesellschaft, in der wir nun mal nicht alleine sind. Fallen uns diese Alternativen gar nicht mehr ein?

Wieso fällt uns das heute so schwer?

Haben wir zu wenig körperliche Betätigung, um unseren Hormonhaushalt zu regulieren? Ist die Aggression eigentlich die Natur des Menschen, die in unserer Zivilisation jahrzehntelang unterdrückt wurde? Werden wir als Individuum in der Gesellschaft zu wenig wertgeschätzt, dass man das Leben an sich als Kränkung empfindet? Erwarten wir zu viel von den Anderen zum persönlichen Glück und zu wenig von uns selbst? Sind die Anderen immer schuld? Nehmen wir uns am Ende selbst zu wichtig? Zu viel ICH, zu wenig GESELLSCHAFT?

Zum Thema Wut fallen mir die Begriffe Frustration und Kränkung ein. Das sind alles, meines Erachtens, ganz normale, zum Leben gehörende Komponenten. Erschreckend ist nur, dass wir offensichtlich Schwierigkeiten haben, diese auf ein gewisses Maß zu drosseln. Die Anzahl an Menschen, die wirklich ausrasten und anderen Menschen, Tieren oder Institutionen Schaden zu fügen, ist gering. Aber ich vermute, die Anzahl an stummer Zustimmung im Hintergrund ist größer, als man denkt. Das lassen die Shitstürme erkennen, die die einfachste Form der Aggressivität sind.

Die Wut kommt schnell und sie vergeht schnell wieder. Dennoch sind wir kaum in der Lage, sie zu beherrschen. Interessanter Nebenaspekt: Shitstürme werden oft unter dem Deckmäntelchen der Menschlichkeit oder Tierliebe losgetreten. Der Gemobbte hat aber offensichtlich sein Recht auf Menschlichkeit verwirkt.

Was können wir tun, um die Wut wieder auf ein zivilisiertes Maß zu reduzieren?

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2 Kommentare zu “Wut

  1. Wut ist ja oft nur das Symptom gestörter Kommunikation. Dinge werden falsch verstanden, die eigenen Emotionen können nicht artikuliert werden usw.
    Ich sehe das häufig bei den Kindern in der Schule, in der ich arbeite.
    Bei Erwachsenen wundere ich mich aber oft über den Mangel an Gelassenheit. Aber ich mache ja auch regelmäßig Sport :o)

  2. Bei Kindern finde ich das aber auch normal. Die sollen dann ja gerade lernen, mit Wut umzugehen, Gefühle zu artikulieren und Diskussionen mit ambivalenten Meinungen auf mehr oder weniger sachlicher Basis zu führen. Als Erwachsener sollte man das dann eigentlich beherrschen.
    Ich gehe auch dreimal die Woche joggen. Ich denke wirklich, dass so ein Auspowern hilft, dass man gelassener reagieren kann.

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