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Die Romantik der Antiquariate

In regelmäßigen Abständen erscheinen in den hiesigen, regionalen Tageszeitungen Artikel über „das Sterben der Antiquariate“. Ich lese diese Meinungsbeiträge mit stark nachlassendem Interesse, denn die Aussagen sind, nach meiner Auffassung, immer dieselben:

– Das Kundenverhalten ist schuld, dass Antiquariate sich nicht am Markt halten können.

– Die Dummheit der Leser ist schuld, dass alte Bücher verachtet werden.

– Und (nicht zu vergessen), das böse Internet ist schuld, dass immer mehr Antiquariate ihre Tore für immer schließen müssen.

Früher war alles besser

Mich ärgert dieses gebetsmühlenartige Gejammer über die Gegenwart. Es ist mir auch zu einfach, wenn ich immer wieder lesen muss, dass alle anderen schuld sind. Sind Antiquariate nicht auch Unternehmer und nicht nur Liebhaber? Sind sie hier nicht ebenfalls gefragt, über Innovationen und Chancen nachzudenken? Kann man Kunden, die in der Gegenwart leben, Vorwürfe machen, wenn sie gerne lesen, aber nun mal nicht den Platz haben, sich opulente Bibliotheken mit wundervollen alten Büchern einzurichten?

Das böse Internet

Ich habe eine Online-Buchhandlung. Ich arbeite also mit dem BÖSEN Internet. Ich habe mir die Mühe gemacht, den Autor einer dieser Artikel anzuschreiben und zu fragen, ob er nicht Lust hätte einmal mit „dem Feind“ zu sprechen. Sich unser Bücherlager anzuschauen und auch über Chancen und Möglichkeiten zu reden, die uns die Gegenwart bietet.

Ich habe ihm von dem alten Herrn aus der Nähe von Köln erzählt, der hier anrief und ein ganz bestimmtes altes, vergriffenes Buch suchte. Seine Buchhandlung hatte es nicht vorrätig und konnte oder wollte nicht helfen. Er selber hat keinen Internetzugang, aber sein Sohn sagte, er hätte das Buch im Internet auf unserer Seite gefunden. Ich habe ihm das Buch schicken können und er hat sich überschwänglich bedankt. Dinge, die hier häufig vorkommen und die das Internet möglich gemacht hat. Der Autor und Antiquariatsliebhaber hatte kein Interesse an einem Gespräch mit mir und fand meine Argumentation daneben. Er sprach mir den Intellekt ab, überhaupt zu verstehen, worum es ihm ging. So kann man das natürlich auch argumentativ lösen. Erklären wollte er das offensichtlich nicht.

Möglichkeiten, Chancen und Innovation

Natürlich hat es Charme in Buchhandlungen zu stöbern. Ich liebe Bücher! Ich habe auch eine Lieblingsbuchhandlung vor Ort, bei der ich regelmäßig privat einkaufe. Die sind innovativ! Die haben sich eine Etage als Lese-Etage ausgebaut. Dort finden die tollsten Lesungen statt. In gemütlichen Ledersesseln, mit Kerzen, Blumen und Weinausschank. Das finde ich toll. Dort werde ich immer wieder zuhören, stöbern und kaufen.

Jemand anderes erzählte mir von einer Kleinstadtbuchhandlung, die ein edles Café in die Buchhandlung integriert hat, das toll läuft und sogar der Großbuchhandlung in der Nähe die Kunden weggenommen hat. Es gibt viele Ideen.

Aber machen wir uns nichts vor. Es gibt kein besseres Produkt für den Onlinehandel, als Bücher. Man hat alle Produkte auf einmal vorrätig zum anschauen, kann Leseproben einsehen, Rezensionen lesen, Bewertungen vergeben und Preise vergleichen. Und ich als Versender sage zusätzlich: Es gibt kein besseres Produkt zum Versenden. Gut zu verpacken, schwer zu beschädigen und ein günstiges Portoangebot von der Post. Das sind die Fakten aus kaufmännischer und kundenorientierter Sicht.

Was bleibt oder fehlt ist die Romantik.

Aus meiner Sicht kann man als Buchhändler nicht überleben, wenn man sich starr an die guten alten Zeiten klammert. Es gibt genug Konzepte, gerade auch für den stationären Buchhandel, die erfolgreich und innovativ sind. (Einen Onlineshop zu haben, ist das Mindeste.) Man muss es nur machen und ein wenig offen sein.

Ich schicke meine Kunden, die sich über mangelnden Service im „Hau-Ruck-Internet“ beschweren, sofort in die nächste Buchhandlung seines Wohnortes. Die hat man online schnell gefunden. Dann erkläre ich ihm, um wie viel besser der persönliche Service und die Beratung im stationären Buchhandel sind. Ein unvergleichlicher Vorteil!

Können wir nicht alle gegenseitig voneinander profitieren, statt den anderen schlecht zu reden und zu klagen?

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4 Kommentare zu “Die Romantik der Antiquariate

  1. Oh je, schon mal mit einem Antiquar gesprochen? Ich jedenfalls habe lange keinen so nichtssagenden Artikel gelesen…

    • Ja, ich habe schon häufig mit Antiquaren gesprochen. Ich bin sogar mit welchen eng befreundet. Das Problem ist, dass Antiquare selber offenbar nicht gerne sprechen, sondern irgendwie lieber nur eigenartige Andeutungen machen, die manchmal von oben herab wirken, statt mal in den sachlichen Dialog zu gehen. Sollte der Kommentar eine Provokation darstellen? Mir ist nicht klar, was Sie mir mit dem Kommentar sagen möchten.

      • Nein, eigentlich keine Provokation. Dass einige Antiquare „eigenartige Andeutungen machen anstatt in den sachlichen Dialog zu gehen“ liegt sicher daran, dass die meisten Kollegen, und da schließe ich mich an, es nicht mehr hören können, dass wir nicht innovativ seien und nur dem Gestern nachtrauern. Ich höre den Abgesang auf’s Antiquariat nun schon seit 10 Jahren. Und sicher, einiges spricht sicher gegen das Überleben des Antiquariats, vor allem als Ladengeschäft. Aber die Innovationen sind nicht der eigene Webshop. Meiner ist ganz ordentlich, die Verkäufe darüber sind zu vernachlässigen.
        Das Grundproblem: Zu wenig Käufer im Ladengeschäft (ich habe seit 2004 einen Laden, die Anzahl der Kunden wird von Monat zu Monat geringer), zu viel Bücher online, zu viele Menschen, die meinen, nur weil sie im Monat 20 Bücher auf ebay verticken, wären sie Antiquare. Letztendlich zu viele Bücher im Bereich bis 20 € im Netz. Und immer einige Billigheimer und caritative Vereinigungen, die meinen, sie müssten alls für 1,95 € verkaufen.

        Die Innovationen im Antiquariat: Meines Erachtens bestehen sie nicht aus einer gemütlichen Leseecke oder gar einem Café. Ich bin Buchhändler und kein Gastronom.
        Im Netz gilt für mich: Gute Ware, die läßt sich auch zu guten Preisen verkaufen. Vom TB für 3,- € kann man nicht leben, das kann nur ein Nebenmarkt sein. Ordentlich katalogisiert, eine gute Handbibliothek zur Hand nehmen, Foto einstellen.

        Mich ärgern solche Sätze wie „Kann man Kunden, die in der Gegenwart leben, Vorwürfe machen, wenn sie gerne lesen, aber nun mal nicht den Platz haben, sich opulente Bibliotheken mit wundervollen alten Büchern einzurichten?“
        Das impliziert, dass nur gestrige Kunden sich opulente Bibliotheken zusammenstellen. Und das ist großer Blödsinn. Und der Platz wäre da, die meisten wollen nur nicht, sie brauchen den Platz ja für den 4 x 5m großen Flatscreen.

        Und ja, ich bin kein Freund von E-Books und werde wohl auch nie eines in die Hand nehmen. Und verstehe die Buchhändler nicht, die auf diesen Trend setzen. Sie sägen damit an dem Ast, auf dem sie sitzen.

        Und noch ein Letztes: Ich bin nicht nur Buchhändler sondern habe auch einen Kulturauftrag. Das gilt natürlich nicht für das eben erwähnte 3-€-Buch…

        Soweit, einen lieben Gruß nach Hannover aus dem tiefsten Ostfriesland

        Jörg

      • Vielen Dank für diese ausführliche Antwort. Solche Details bringen mich viel weiter, als immer wieder abgelehnt zu werden. Ich frage schon lange immer wieder bei Antiquaren nach und renne stets gegen Wände. Dabei finde ich es wirklich wichtig zu verstehen, was in dieser Zeit des Umbruchs tatsächlich passiert und was wir eventuell verlieren werden.
        Vieles lässt sich gut nachvollziehen.
        Ein Ladengeschäft hatte ich auch und habe es, mangels Laufkundschaft, geschlossen.
        Im Gegensatz zu anderen Leuten, schaffe ich daheim gerade Platz für Regale, um mir ein eigenes Bücherzimmer zu errichten. Mehr Wohnharmonie kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber ich bin da, was den Wohnraum angeht, vermutlich privilegiert.
        Schön, dass Sie sich nochmal geäußert haben.

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