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Der Jazz-Abend

Manchmal finde ich Jazz grotesk. So wie in diesem Fall. Es begab sich an einem dunklen nass-kalten Freitagabend im Herbst. Der Gatte lud mich freundlicherweise zu einem kultivierten Jazz-Abend ein. Wohl weniger, um mir eine Freude zu machen, als sich selbst eine attraktive Begleitung angedeihen zu lassen.

Dieses Konzert fand im Konzertsaal des NDR-Funkhauses statt und zu sehen war ein bekannter Jazz-Musiker aus Skandinavien nebst der NDR-Big-Band. Na gut, ich mag Jazz, allerdings eher den kommerziellen Smooth Jazz in dunklen, verrauchten, kleinen Bars, wo einem alle Leute so  relaxed und geheimnisvoll, ja beinahe sexy erscheinen. Das hier hörte sich irgendwie mehr nach einer Intellektuellen-Veranstaltung an. Aber ich bin ja aufgeschlossen.

Wir waren spät dran. In Windeseile noch einen illegalen Parkplatz erwischt, mit Gezeter die letzten Meter zum NDR gerannt und endlich waren wir da. Kurzer Rundum-Blick: Und ich wollte zuerst unbedingt mein kleines Schwarzes anziehen! Was sich mir hier als erster Anblick bot, war Rollkragen-Strickpulli kombiniert mit Zigarillo oder stone-washed Jeans mit einem flotten Sweater und Turnschuhen. Nichts für ungut, aber ist das Understatement?

‚Ich muss was trinken’, schoss es mir durch den Kopf und zerrte den Gatten an die Bar, orderte zwei Gläser Schaumwein, derweil es aufdringlich gongte und so erbarmungslos den Beginn des Konzertes ankündigte. Mit ca. drei Schlucken stürzte ich den billigen Fusel herunter, während ich hektisch im Foyer hin und her flatterte, um den Weg zu unseren Sitzplätzen zu erfragen. ‚Bloß nicht zu spät kommen, bloß nicht blamieren bei den Intellektuellen’, dachte ich fahrig. Der Gatte, die Ruhe selbst, ließ sich von mir zur Garderobiere scheuchen, um den Weg zu erfragen.

Wir huschten die Treppe herauf und betraten den Konzertsaal des NDR-Funkhauses. ‚Großer Gott’, dachte ich, ‚das ist ja schlimmer als ich erwartet hatte!’ Auf einem grauenvollen Linoleumboden stiegen wir hinunter bis in die 4. Reihe, wo wir unsere Plätze einnahmen. Anhand des Ambientes, der Klapp-Bestuhlung und gar der Atmosphäre, hätte ich vermutet mich im Auditorium Maximum irgendeiner Universität zu befinden, wo die fleißigen Studierenden gespannt auf eine Vorlesung von Professor Müller Meier Schulze zum Thema Planktonaufbereitung in der Nordsee warteten. Lauschige Jazzatmosphäre wollte mir hier so gar nicht gefühlig werden.

Jazz in einem Hörsaal? Jazz als eine bestuhlte Veranstaltung? Skandalös! Der Gatte beschwichtigte: „Aber die Akustik soll hier ganz toll sein.“ Und zweifelnd blickten wir zu den, an der Decke gespannten, Segeln.

Der Künstler selbst kam, spulte sein Programm herunter, das in der Tat hervorragend war, trotz der ungemütlichen Atmosphäre, und verschwand wieder. War ja nicht anders zu erwarten. Hier und da ließ er brav ein Sprüchlein über Hannover fallen, wie etwa, dass er so froh sei, mal wieder hier zu sein, oder, dass es so toll sei mal mit der tollen NDR-Big-Band zu spielen, damit sich auch alle Zuhörer ein bisschen gepuschelt fühlten.

Während des Konzertes blickte ich mich verstohlen im Saal um. Grotesk ist die einzig passende Beschreibung. Da saßen Menschen jenseits der 70 mit unbeweglichen Gesichtern, die vermutlich ein Abo für das Sinfonie-Orchester und sich im Tag geirrt hatten. Da saßen Jugendliche, die von ihren Eltern, den Realschullehrern, mitgeschleppt wurden und immer wieder heimlich auf die Uhr blickten. Da saßen die Jazz-Freaks, die einfach nicht an sich halten konnten und mit Kopf und Fuß dauer-wippten. Und da saßen ganz viele Leute, die nichts taten, nach nichts aussahen und im Nichts verschwanden.

Endlich Pause. Sofort stürzte ich wieder zur Bar. Ich fragte nach einem guten Rotwein und „Mann“ zeigte auf eine Flasche und sagte: „Der is’ lecker.“ Schön!

Wieder im Konzertsaal hatte ich dann auch den Pegel, den ich brauchte, um endlich Spass an der Veranstaltung zu haben. Die Reihen hatten sich in der Pause sichtlich gelichtet. Inzwischen waren nur noch die Realschullehrer mit ihren Sprösslingen, die autistischen Wipper und wir anwesend. Ach, und zwei wahnsinnig attraktive, weibliche Groupies, die zu jedem Song schunkelten, als wären sie bei Karl Moik im Stadl, so dass selbst der Künstler lachen musste.

Alles in allem war es eine interessante Erfahrung.

Ich allerdings werde mich in Zukunft doch lieber an Jazz im Jazz-Club oder dunklen, verrauchten Bars halten. Ich unterstelle, dass mir hierfür der intellektuelle Zugang fehlt!

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2 Kommentare zu “Der Jazz-Abend

  1. Ich erkenne mich so etwas von wieder…;) Danke für den Lacher!

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