Ein Kommentar

War früher mehr Fiktion?

Bei meiner letzten Schreib-Session hatte ich ein Aha-Erlebnis der positiven Art. Ich hatte eine bestimmte Szene im Kopf, bei der ich jedes Detail im Vorhinein wusste. Mein Problem war: Ich brauchte dazu eine dunkle, menschenleere Straße, die nur von schroffen Bäumen und Feldern gesäumt war. Die nächste Ortschaft sollte eine ganze Strecke entfernt liegen und sie sollte ein gemütliches, kleines Hotel beheimaten. Und das alles in einem Land, in dem ich selber noch nie gewesen bin. Ich hatte also überhaupt keine Vorstellung, ob diese Details auch nur annähernd realistisch waren.

Recherche modern

Recherche modern

Was macht man da heutzutage? Klar, man recherchiert über Goggle Street View. Ich wanderte mit dem kleinen, orangenen Männchen unendlich viele, lange Straßen entlang und fand nach einiger Zeit exakt den Ort und die Landschaft, die ich gesucht hatte. Die Aufnahmen waren zwar aus dem Sommer, aber ich konnte mir gut vorstellen, wie eben diese Landschaft im drögen Winter, nachts, einsam und verlassen wirken musste. Auch die, laut Routenplaner, nur 10 Minuten entfernte Ortschaft, war ein Touristenort und hatte einige gemütliche, kleine Hotels. Ich war begeistert und konnte nun meine Geschichte spinnen.

War früher mehr Fiktion?

Aber unweigerlich fragte ich mich: War früher mehr Fiktion? Was haben Autoren getan, bevor sie auf das Recherchewerkzeug Nummer 1, das Internet, zurückgreifen konnten? Haben sie nur über Orte geschrieben, die ihnen bekannt waren? Sind Autoren viel mehr gereist, weil sie Schauplätze brauchten? Oder haben sie schlicht ihrer Fantasie freien Lauf gelassen, um neue Orte und Schauplätze aus dem Nichts entstehen zu lassen?

Man schreibt, um selbst zu gestalten

Letzteres wäre mir am sympathischsten. Schreibt man doch letztlich mit der Intention, ganz neue Dinge, Geschichten oder Landschaften entstehen zu lassen. Man schreibt, um selbst zu gestalten. Das Problem ist, dass mit der Zeit des Internets auch die Zeit der Faktenprüfung entstanden ist. Ja, ich ertappe mich selbst häufig genug beim Lesen eines Romans dabei, dass ich bei Orten, Details oder Inhalten kurz die Goggledampfmaschine anwerfe und nachprüfe, ob dieses oder jenes tatsächlich so gewesen ist. Anderseits ärgerte ich mich oft schon über irgendwelche Artikel in hämischen Unterton, in denen zu lesen war: „Naja, bei dem und dem hat der Autor leicht übertrieben. Das hat sich in Wirklichkeit nicht ganz so zugetragen.“

Recherche kongenial oldschool

Recherche kongenial oldschool

Ich tauche gerne tief in eine Geschichte hinein, lasse mich von der ersten bis zur letzten Seite verzaubern, und tauche am Schluss wieder auf, mit dem Fazit: Das hat mich großartig unterhalten. Eine Fakten- oder Detailprüfung unterbricht eigentlich nur das Lesevergnügen. (Mein Artikel bezieht sich natürlich nur auf fiktive Romane).

Ununterbrochen in Geschichten tauchen

Seit den 90er Jahren haben wir weltweit Zugriff auf das Internet. Mich würde es sehr interessieren, wie sich seitdem das Schreiben von Autoren in Hinsicht auf Fakten versus Fiktion verändert hat. Ich bin ein großer Freund des Onlinebetriebs, sichert es mir schließlich meinen Lebensunterhalt und schafft mir unendlich viele Freizeitmöglichkeiten. Aber wurde die Freiheit des Schreibens hier ein wenig eingeschränkt, durch die permanent zur Verfügung stehende Faktenprüfmaschinerie?

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Ein Kommentar zu “War früher mehr Fiktion?

  1. Auch früher wurde recherchiert. Karl May soll im Gefängnis Zugriff auf gute Reisebeschreibungen gehabt haben.

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