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Zahn um Zahn

Es ist ungefähr 7-8 Jahre her, als der Gatte heim kam und erzählte, er hätte einen neuen Zahnarzt. Der würde ihm gut gefallen. Ein nörgeliger Unterton schlich sich in meine Gedanken: ‚Pfff, Zahnarzt. Muss ich auch mal wieder hin.’ Ein paar Tage später hatte ich dann einen Termin bei besagtem Zahnarzt vereinbart. Zahnärzte interessieren mich eigentlich nicht. Ich hatte nie wirklich Probleme mit den Zähnen, also war es nichts weiter, als ein Termin, der mir Freizeit raubte.

Der neue Zahnarzt

Er, der Herr Doktor, war groß, schlank, braungebrannt in feschen Jeans und rosa Poloshirt. Er dirigierte mich wortkarg auf den Zahnarztstuhl, derweil Sabrina und Natalia (seine attraktiven Assistentinnen) stumm die Instrumente ordneten. Von Konversation hielt er nicht viel, von Mundschutz und Handschuhen offensichtlich auch nicht. Ich war etwas genervt.

Zahnarzt

Zahnarzt

„Alles gut, bis nächstes Jahr.“, sagte er und winkte mich dann aus dem Stuhl. Ich fasste all meinen Mut zusammen und stellte der „Plaudertasche“ zum Abschluss eine Frage. Ich zeigte ihm einen gelben Punkt, den ich vor Kurzem an meinem Zahnfleisch entdeckt, er aber offensichtlich übersehen hatte. Ohne weitere Erklärungen schob er mir Plättchen in den Mund und fertigte ein Miniatur-Röntgenbild an. Dann ging er zum Tisch, schrieb etwas auf einen Zettel, den er mir in die Hand drückte. „Damit müssen Sie in die Klinik. Das mache ich nicht. Da ist die Telefonnummer.“ Auf dem Zettel stand „WSR“ und die Telefonnummer einer Zahnklinik. Ich musste lange googeln, bis ich herausfand, was der Doktor lange wusste, mir aber nicht verraten wollte. Ich sollte eine Wurzelspitzenresektion bekommen.

Der Chef

Es war ein sonniger Vormittag, als ich in besagter Zahnklinik in Hannover einem Chefarzt gegenüber saß, der wie ein Bauer wirkte. „Was?! Sie wollen eine Wurzelspitzenresektion? Haben Sie sich das gut überlegt? Das lassen Sie mal lieber bleiben!“, donnerte er mir entgegen und lachte ein dröhnendes Lachen. „Äh, ja, das steht nicht zur Debatte, da ich wohl eine Fistel habe.“, erklärte ich dem Chef die Zahnwelt. (Wie gesagt, ich hatte ja gegoogelt). „Was?! Eine Fistel?! Zeigen Sie mal!“ Nachdem er sich überzeugt hatte, machte er mit mir einen Termin für meine WSR.

Der Tag der WSR versinkt bei mir immer wieder in die stumpfen Tiefen der Verdrängung. Zu gerne würde ich das alles aus meinem Gedächtnis streichen, aber dafür ist es wohl zu spät.

Guter Dinge hatte der Gatte mich in die Klinik gebracht. Langer, schmaler Flur. Neonröhrenbeleuchtung. Plastikbestuhlung an den Wänden anmontiert. Überall schlurfende Männer in ollen Bademänteln und dicken Backen, die müde einen Infusionsständer vor sich her schoben und junge Erlebnisorientierte, die sich das blutige Gesicht kühlten. Zahnklinikalltag.

From Dusk till Zahn

From Dusk till Zahn

Die WSR

Ich wurde aufgerufen und in einen kleinen, grün gekachelten Raum geführt. Hier wurde mir die Luft zum Atmen genommen. Es war so eng und abstoßend, dass ich zum ersten Mal Angst bekam. ‚Was machen die hier mit mir?‘ Leicht schlotternd saß ich auf dem Stuhl und versuchte mich selbst zu beruhigen, als ein vermummter Doktor und zwei vermummte Assistentinnen hereinkamen. Der Doktor erklärte kurz, dass er mich zunächst örtlich betäuben werde, bevor es losging. Mit einer unglaublich rabiaten Art stieß er mir an die 10mal (!) mit der Kanüle in das Zahnfleisch. Immer wieder durchfuhr mich der Schmerz zuckend. Die Stellen waren so dicht an der Nase, dass mir die Tränen sintflutartig über das Gesicht liefen. Ich konnte gar nicht mehr Luftholen, war vollkommen entsetzt, erschrocken und damit beschäftigt, nicht loszuschreien, als er endlich fertig war mit dieser Qual. Dann stand er auf und ging.

Mir aber ging es plötzlich ganz schlecht. Mein Herz schlug wie verrückt, ich konnte nicht mehr Schlucken und hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Das sagte ich der Assistentin und die schloss eine Pulskontrolle an meinen Finger an. Es war wenig hilfreich, dass ich nun meinen rasanten Herzschlag noch in voller Lautstärke hörte und in zackigen Linien vor mir sehen konnte. Auch war es nicht hilfreich, dass das Mädel den Raum verließ, mich alleine ließ und hinter der Tür zu jemandem sagte: ‚Die hat wirklich was. Da stimmt was nicht!’

Der Doktor kam wieder herein und tätschelte mir jovial die Schulter: „Na, da hat wohl jemand ein bisschen Angst, hm? Macht nichts. Jetzt geht’s los.“

Wie bitte? Selbst wenn es „nur“ Angst war, die Angst ist doch nicht harmlos! Der Angst muss man doch begegnen. Man muss dem Ängstlichen doch helfen! Nichts dergleichen geschah. Trotz des hohen Pulses, setzte Meister Zahn das schwere Gerät an und führte die WSR durch. (Später erfuhr ich von einem anderen Arzt, dass es keine Angst war, sondern eine nicht seltene Reaktion auf das Adrenalin, dass in diesem Betäubungsmittel enthalten ist und zu einem sehr hohen Puls führen kann).

Ich hatte, trotz der massiven Betäubung, unglaubliche Schmerzen bei dem Eingriff, die ich irgendwann apathisch und willenlos über mich ergehen ließ. Als der Gatte mich später abholte, war er ganz erschrocken, ob meiner Gesichtsblässe, meinem Wanken und Schwanken und quasi blutleeren Lippen. Nur heim. Ich wollte nur noch heim.

Mein lebenslanger Schaden

Ich habe mich erholt. Irgendwann. Die Zeit heilt alle Wunden. Doch etwas ist geblieben. Seit ich diesen Männern in Weiß begegnet bin, habe ich eine sehr starke Zahnarztphobie. Wenn ich nur an Zahnarzt denke, möchte ich in Tränen ausbrechen. Und das ist für mich fatal.

Was diesen Männern wohl scheißegal ist, ist der Aspekt, dass sie ihren Job taten und ich darunter für den Rest meines Lebens leiden werde. Es hätte nur zwei Punkte benötigt, um das alles zu verhindern:

  1. Freundlich und psychologisch sinnvoll gestaltete Räumlichkeiten, die nicht sagen: Hauptsache zweckmäßig. Du als Patient bist mir absolut egal.
  2. Zeit. Jeder der Ärzte hätte sich Zeit für Gespräche und Erklärungen nehmen müssen. Jeder der Ärzte hätte mich kennenlernen müssen, um zu sehen, was geht oder nicht geht. Aber das ist bei keinem der Herren passiert.

Ich bin nach wie vor fassungslos über die Ignoranz von einigen Ärzten, denen ich als Patient scheißegal war und bin. Die Folgen trage ich und all die fähigen Zahnärzte, die sich Gedanken machen und die ganzen verkorksten Patienten später auffangen müssen.

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