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Gesundheit zweiter Klasse

Ich hasse Ärzte. Alle! Deshalb tat ich mich schwer, mit einer Sportverletzung am Fuß, einen Arzt aufzusuchen. Da sich die Schmerzen aber nicht besserten, setzte ich mich an mein Notebook und suchte nach Sportärzten in meiner Nähe. Ich fand einen, mit einer hübschen Internetseite und rief dort an. Vormittags. Es nahm keiner ab. Mittags? Es ging keiner ans Telefon. Nachmittags? Es ging keiner ran. Niemand. Auch kein Anrufbeantworter. Ich versuchte es ein paar Tage. Nichts. Ich zweifelte an der Existenz der Praxis und schrieb eine Email mit der Bitte um einen Termin. Der feine Herr Doktor persönlich antwortete mir am selben späten Abend. Sie hätten eine freie Sprechstunde. Ich könnte jeden Morgen ab acht Uhr vorbei kommen. Das tat ich.

Wartezeit

Als ich in der Praxis ankam, war ich schockiert. Die Praxis war in einer kleinen Etagenwohnung in einem Mehrfamilienhaus untergebracht. Die ganze Praxis war gefüllt mit Menschen. Überall. Am dunklen Empfangstresen standen zwei völlig überforderte Assistentinnen und managten den Patientenandrang. Ich warf ihnen meine 10 Euro Kassengebühr und meine Versichertenkarte über den Tresen und bekam als Dank ein „Wir sind jetzt bei einer Stunde Wartezeit. Gehen Sie doch noch einen Kaffee trinken.“ zurück.  Gerne.

Warteplatz

Nach ca. einer Stunde erklomm ich abermals die Stiegen zum Praxis-Appartement in der 1. Etage. Noch voller als vorher. Ich wartete artig eine gefühlte Ewigkeit am Empfangstresen, nur um nachzufragen, ob ich noch weiter warten solle. „Ja, aber bitte im Wartezimmer. Es dauert noch etwas.“ Ach was. Ich schlängelte mich also durch einen engen Flur, der vollgepfropft war mit Patienten. Sie lehnten rechts und links an der Wand, teilweise auch in zwei Reihen. Dicht an dicht, eng an eng. Mir wurde ganz übel beim Vorbeigehen, ob der Ausdünstungen der Verletzten und dem Mangel an Sauerstoff im dunklen Flur (graue Tapeten, anthrazitfarbener Teppich, keine Fenster).

…!

Dann endlich das Wartezimmer. Hier gab es Licht, denn hier gab es Fenster. Die waren aber verschlossen und so waberte überall der strenge Alkohol- und Nikotingeruch meiner Mitwartenden durch die Räume. Überall verletzte Menschen. Kein Sitzplatz frei, keine Ecke zum herumstehen frei. Langsam war ich verzweifelt. Also wieder in den Flur zurück und um die Ecke geblickt. Ich fand ein winziges Stück freie Wand und lehnte mich dagegen. Erschöpft. Ich wollte da raus! Als ich irgendwann auf meine Uhr schielte, sah ich, dass mehr als eine weitere Stunde vergangen war. Da ich ja auch noch arbeiten musste, gab ich leichtsinnig meinen Wandanlehnwarteplatz auf und humpelte mit dem kaputten „Flunken“ durch die Menschenmasse zurück zum Tresen. Wie lange noch, fragte ich nun eine Spur gereizt. Die Assistentin sagte: „Mindestens noch eine Stunde.“

Ich blickte in den dunklen schmalen Flur, auf die vielen verletzten Menschen und stellte mir kurz eine weitere Stunde hier im Stehen vor. Ich hätte dann weit über drei Stunden gewartet, ohne zu wissen, ob ich wirklich nach weiterer Wartezeit drangekommen wäre. Nein! Ich verlangte meine Versichertenkarte und meine 10 Euro zurück und humpelte davon.

Wahnsinn!

Was ich hier beschrieben habe, ist mir, so oder so ähnlich, schon häufiger passiert. Es muss nicht so drastisch sein. Auch weniger auffällige Situationen sind nicht akzeptabel! Rufe ich bei meinem Hautarzt an, kriege ich, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, zu hören: „Wir sind jetzt bei zwei Monaten Wartezeit für einen Termin!“  (So als würde man dann sagen: „Ach so, nö, dann lieber nicht!“) Mein Hausarzt berührt meinen Nacken und sagt: „Sie bräuchten eigentlich dringend Massagen, aber das ist nicht im Budget.“ Wenn der Gatte (Privatpatient!) und ich uns einen Termin zum Gesundheits-Check holen, hat er drei (!) DIN A 4 Seiten mit Untersuchungsterminen. Ich bin nach einer Blutentnahme und einem Gespräch fertig. Ich könnte unendlich mit diesen Beispielen weiter machen.

Meine Meinung dazu, so deutlich, wie möglich: Ich empfinde unser Gesundheitswesen und die Art und Weise, wie niedergelassene Ärzte es leben:

DEMÜTIGEND!

Ärzte demütigen Patienten! Dieser oben beschriebene Sportarzt hat mich und alle anderen Patienten erniedrigt! Wie Vieh auf dem dunklen Flur stehend! Verletzt! Stundenlang! Als wäre unsere Zeit unwichtig! Lassen wir uns das bieten? Kann ich nicht von einem Arzt ein ordentliches Praxismanagement erwarten, bei dem nur so viele Patienten in der Praxis sind, wie Wartestühle vorhanden? Ja, liebe Ärzte, Praxisorganisation, so etwas gibt es tatsächlich! Aber das würde ja Mühe machen. Wozu? Die Patienten kommen ja doch immer wieder. Sie haben ja keine Wahl.

Ich bin noch relativ jung und gesund. Ich halte mich von Ärzten fern, so gut es geht. Aber es geht eben nicht immer und es gibt viele Menschen, die wirklich krank sind und sich diesen Erniedrigungen immer wieder aussetzen müssen. Meine Physiotherapeuten fragte mich jüngst, warum ich meine Massagen selbst bezahle und sie mir nicht verschreiben lasse.

Das hat einen triftigen Grund:

Weil ich bei diesen Weißkitteln nicht zu einem Bittsteller werden will. Ich will nicht um etwas betteln müssen, was unser Gesundheitssystem nur noch für Gutbetuchte vorgesehen hat. Sie halten diese Gefühle für unwichtig? Nein!

Es ist falsch, wenn man sich als Kassenpatient für seine Gesundheit prostituieren muss.

Ich musste sogar schon um eine Krankmeldung betteln, obwohl ich Fieber hatte! Das ist demütigend!

Dieses genervte Getue am Telefon, wenn man um einen Termin bittet. Dieser drohende Blick, wenn sie dich ins Wartezimmer schieben und sagen „Hoffentlich haben Sie Zeit mitgebracht!“. Dann die Sekundenabfertigung im Sprechzimmer, wo dir der Arzt das Gefühl vermittelt: „Mach schneller, du störst!“

Natürlich sind das alles sehr subjektive Empfindungen. Natürlich gibt es auch engagierte Ärzte. Und natürlich weiß ich auch, um deren Situation. Durch unsere Abrechnungssysteme verdienen Ärzte nun mal nur an Privatpatienten. Und natürlich schauen sie auf ihr Budget, wenn es darum geht mir die Massagen oder lieber Oma Gertrude ihre Lymphdrainage zu verschreiben.

Aber diese 2 Fragen müssen erlaubt sein:

Warum müssen Ärzte diese Entscheidungen überhaupt treffen? Und: warum berät ein Arzt niemals offen und ehrlich?

Ärzte verschweigen Ihnen häufig, was das Richtige wäre oder was die bestmögliche Therapie ist, weil die Therapie zu teuer ist und Sie, als Kassenpatient, können die Therapien nicht selber zahlen, weil Sie für alles eine ärztliche Verordnung brauchen. Selbst wenn mir einer sagt, medizinische Massagen würden mir helfen, kann ich mir diese nicht selber verschreiben. Dass MUSS ein Arzt verordnen.

Wir haben also als Kassenpatienten keine Chance auf eine alles beinhaltende, kurative Therapie, wenn es das Budget nicht zulässt. Ich bin darüber verzweifelt. Ich bin verzweifelt, ob der Demütigungen, die uns Kassenpatienten tagein tagaus widerfahren und ob der kompromisslosen Ausweglosigkeit, der wir uns hier stellen müssen. Als Angestellter mit mäßigem Verdienst können Sie sich nicht bzw. nur teilweise privat zusatzversichern. Gute, ganzheitliche, medizinische Versorgung bekommt in unserem Land nur der Besserverdiener. Denn auch die Selbständigen, die sich keine Privatversicherung leisten können, gucken in die Röhre.

So läuft das in einer Zweiklassengesellschaft. Darüber dürfen Sie sich gerne aufregen.

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5 Kommentare zu “Gesundheit zweiter Klasse

  1. hoffe, deinem Fuß geht es mittlerweile etwas besser, bzw. du hast einen anderen, zuvorkommenderen Mediziner gefunden.
    Was du da erlebt hast, kenne ich auch… es ist einfach nicht gerecht.

    • Danke, meinem Fuss gehts wieder gut. Aber diese Geschichten höre ich fast täglich von vielen Menschen. Ich musste das einfach mal aufschreiben. Ich meine, jeder Arzt hat es selber in der Hand, menschlich zu sein oder eben nicht. Das ist erstmal keine Frage des Geldes. Oder?

      • die bekommen halt von Privatpatienten mehr Geld als von gesetzlich versicherten Patienten. Leider ist es so, dass Ärzte auch nur auf den Profit gucken… Ist echt ärgerlich. Ich bin Schülerin. Wie soll ich mir ne private Versicherung leisten? Ich warte seit einem dreiviertel Jahr auf einem Termin bei einer Psychologin. Arghhhh

  2. Bevor ich einen neuen Arzt aufsuche, schaue ich mir inzwischen seine Bewertungen im Internet an. Die chaotische Organisation bei dem Sportarzt wäre bestimmt erwähnt gewesen.

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