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Nicht klatschen!

Sinfoniekonzert. In mitten von weißköpfigen, bordeaux changierenden Röcken und Blazern, kamen der Gatte und ich ganz in Schwarz zum Konzert. Die helle Marmortreppe des ehrwürdigen Opernhauses erstürmt, führte uns der Weg natürlich sofort an die nächste Bar, die wir stets aus weiter Entfernung witterten. Der Rotwein war gut und wir bestellten opulent, Schnittchen und Getränke für die Pause vor (man muss es sich hübsch machen!).

Unsere Plätze waren gut, so dass ich auch mit, zuhause vergessener Brille alles genau beobachten konnte. Schwer beeindruckt, von all dem Instrument, den stilvoll gekleideten Musikern und dem dramatisch winkenden Dirigenten, genoss ich das Konzert von der ersten Sekunde an.

Der Dirigent hob seinen Arm, die Streichinstrumente rotierten kurz am Körper, die Geigenbögen zeichneten synchron einen Halbkreis durch die Luft und dann … dann erklangen die ersten Töne. Laut und fordernd. Mir kroch eine Gänsehaut der völligen Ergriffenheit von der Kopfhaut bis zum kleinen Zeh. Beeindruckt!

Wir hörten John Adams, Erkki-Sven Tüür, Franz Liszt und Dmitri Schostakowitsch. Völlig gefangen genommen, verfolgte ich die Bühnendarbietung. Obwohl ich mir vorgestellt hatte, dass Klassikkonzerte langweilig sind, konnte ich nur kurze Augenblicke die Augen schließen und die Musik wirken lassen. Es gab viel zu viele technische Details auf der Bühne, die es zu beobachten galt.

Nach dem ersten Satz von Schostakowitsch, hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste meine Begeisterung kund tun und tat das Unfassbare! Ich applaudierte kurz, um Energie umzuwandeln. Ähnlich flott, wie die rotierenden Geigenbögen, schnellten nun die weißhaarigen Köpfe in meine Richtung. Anstatt  Instrumente, sah ich nun hochgezogene Augenbrauen, gerümpfte Nasen und sich leicht schüttelnde Häupter.

„NICHT KLATSCHEN!“, zischte mir eine empörte, ältere Dame entgegen. Was für ein Affront!

Ich hielt kurz inne und versäumte durch die Empörung leider ein paar, mir wertvolle, Minuten des Konzerts. Es gibt offenbar in der hiesigen Konzertszene ein derart strenges Etikettenprotokoll, dass man, will man einfach begeistert sein, als ordinär und banausig gilt? Ja, das mag ich nur zu gerne glauben. So sind wir Deutschen. Immer gestreng. Immer den Sitten und dem „adäquaten“ Benehmen nachstrebend. Stets darum bemüht, sich vom gemeinen Pöbel abzugrenzen.

Gelernt: Es ist in einem Klassikkonzert nicht erwünscht, die Musik so zu lieben, dass man sie belohnt, wenn man gerade liebt, sondern erst nach dem ungeschrieben vorgeschriebenen Protokoll, am Ende des kompletten Stückes. Schade! Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, wann ich begeistert sein darf und wann nicht. Ich möchte mir meine  impulsive Natürlichkeit und Freude bewahren. Und wenn das bedeutet, dass ich mir in einem Sinfoniekonzert ein paar weißhaarige, sich schüttelnde, gerümpfte Nasen betrachten muss, sei es drum.

Ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen, am Ende des Konzertes, als alle aufstanden und klatschten, in die Runde zu fragen: „Darf ich jetzt? Ja?“ Das hat aber wohl kaum einer mitbekommen. Die Herrschaften konnten leider nicht mehr für die Musiker und den Dirigenten applaudieren. Sie waren aufgesprungen und gegangen. Die Furcht, bei der Garderobe in einer Warteschlange anstehen zu müssen war wohl größer, als der Wunsch, den Akteuren Anerkennung zu zollen.

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3 Kommentare zu “Nicht klatschen!

  1. Die schwarzen Schafe inmitten der konformen Herde von Zucht und Ordnung gehorchenden weissen Lämmchen? Die Musik scheint gut gewesen, der Wein auch, die Häppchen wohl auch. Und im Nachhinein muss man doch ein wenig schmunzeln und es regt zum Nachdenken an. Nachdenken über ungeschriebene Gesetze über Sitten und Gebräuche. Nachdenken über eine Gesellschaft, in der Ausdruck von Freude und Begeisterung nicht erwünscht ist. Nachdenken über sich selber, dass einen solche Zurechtweisungen doch treffen und ob zurecht.

    Ein schöner Bericht, danke dafür!

    • Und genau das ist der Punkt. Kann bzw. darf man Freude und Enthusiasmus reglementieren? Darf man etwas aufbrechen, das schon immer irgendwie so gewesen ist? Und es verlangt Mut, dagegen zu halten und Zurechtweisungen an sich abperlen zu lassen.
      Mir hat alles an dem Konzert wirklich sehr gefallen, außer, dass ich es nicht zeigen durfte… !
      (Danke für deinen Kommentar!)

  2. Also ich sehe oft genug die andere Seite: Als Sänger/Instrumentalist und auch als Dirigent wird durch aufbrausenden Applaus deine Konzentration gestört. Es ist schön, wenn Leute so begeistert sind, dass sie klatschen wollen, aber das wird bis zum Ende aufgespart, weil es schwer für die Präsentierenden ist, ihre Konzentration wieder zu sammeln und genau so weiter Gas zu geben wie zuvor. Der Applaus ist nett gemeint, aber er bringt einen einfach raus. Deshalb reißt man sich aus Respekt vor der Arbeit der Darsteller zusammen, nicht weil jemand deine Begeisterung reglementieren will 😉

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