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Nicht reden (wollen)!

Smalltalk

Ich eile abschließend in den Waschraum. Während ich mir die Hände wasche und mich im Spiegel betrachte, wächst der Unmut. Ich bin fertig! Fertig von dem langen Arbeitstag. Fertig von der Kälte. Fertig von zu wenig Schlaf. Meine Klamotten sehen aus, als hätte ich heute früh nur kurz in den Stapel „Mir-doch-egal“ gegriffen, Augenringe und rote Flecken im Gesicht plus strähnigem Haar. Ich fühle mich furchtbar.

Während ich mir so die Hände wasche, denke ich: ‚Jetzt hurtig durch die dunklen Straßen meines Viertels hasten, Wohnung aufschließen, Badewasser einlassen, Musik von Miles Davis und eine gute Flasche Rotwein.’ Wie eine alte, schwerfällige Wassermühle setzt sich das Rad des Kopfkinos in Bewegung. Aber, erstmal in Schwung gekommen, serviert es mir wundervolle Bilder von meinem Feierabend.

Nichts ist so einfach, wie es scheint.

Schnell die Jacke gezückt und ab geht’s, nach Hause. Dann komme ich am Supermarkt vorbei. Ich brauche noch ein paar Lebensmittel für den Abend schießt es mir durch den Kopf. Also verlasse ich meinen sicheren Pfad gen lauschigem Heim und biege ab in den Supermarkt. Von dem gleißenden Neonröhrenlicht geblendet, befreie ich mit barer Münze einen Einkaufswagen und ziehe schleppend meine Runden durch die schmalen Gänge. Dann passiert das Unfassbare. Das Furchtbare! Ich sehe meine Nachbarin.

SMALLTALK-ALARM! blinkt es kreischend auf meiner Stirn!

‚Oh, nein!’, denke ich. ‚Ich will nicht! Will niemanden treffen, den ich kenne! Will niemanden sehen! Will, vor allem, mit niemandem reden müssen!’ Ich fühle mich schrecklich. Ich bin müde. Ich kann jetzt auf gar keinen Fall ein Lächeln anknipsen und Sätze sagen wie: ‚Hi! Geht’s dir gut? Den Kindern auch? Ach, das freut mich aber.’

Wie ein Hutzelmännchen zuckele ich mit meinem Einkaufswagen durch die Gänge des Supermarktes und bespitzele meine Nachbarin durch das Regal für feuchtes Toilettenpapier. Kann man wirklich so langsam einkaufen? Was macht die da? In mir steigt langsam Wut auf, ob der surrealen Situation. Meine Anspannung wächst und damit auch mein Unwohlsein.

Wieso muss ich mich hier verstecken? Geht’s noch?

Ich ziehe meinen Körper an einem imaginären Faden wieder in eine aufrechte, erhabene Position und schiebe, äußerlich völlig gelassen, meinen Einkaufswagen durch den Markt. Hier eine Tiefkühlpizza, da ein Joghurt und noch eine Tageszeitung. Ich pilgere zur Kasse, ohne der Nachbarin begegnet zu sein. Als ich schon bezahlt habe und gerade meine Einkäufe verstaue, höre ich plötzlich: „Huhu, Schriftsteller1! Hi! Alles gut???“, trällert die Nachbarin fröhlich. Ich schaue kurz vom Einkauf hoch, knipse nun doch das Lächeln an, raffe meine sieben Sachen zusammen und presse noch ein Hallo hervor. Dann drehe ich mich einfach um und gehe. Ohne Smalltalk.

Doch das Hochgefühl, der Situation entkommen zu sein, bleibt aus. Diese Vorstellung, sich gerade unglaublich unhöflich verhalten zu haben, in dem ich nicht stehen blieb, mir nicht die Zeit nahm für ein Schwätzchen, nicht die Konventionen erfüllte, blieb an mir hängen, wie hartnäckige Fussel, die ich mühsam, mit spitzen Fingern abzuzupfen versuchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, das gesamte gesellschaftliche Leben besteht nur aus: Guter Eindruck, schlechter Eindruck, guter Eindruck, schlechter Eindruck. Ich habe wohl im Supermarkt bei der Nachbarin einen schlechten („unnormalen“) Eindruck hinterlassen. Das ist häufiger der Fall. Das ist immer der Fall, wenn ich der Meinung bin, ich sollte und wollte mich nicht gesellschaftskonform verhalten, sondern mir selbst treu bleiben. Gerne würde ich an so einer Stelle sagen können: „Hallo. Hab gerade keinen Bock zu reden. Tschüß!“ Aber das wäre wohl auch nicht richtig.

Bleibt am Ende der Geschichte stets die gleiche Frage hängen:

Warum zum Teufel geht es mir nicht am Arsch vorbei, was andere von mir denken?

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4 Kommentare zu “Nicht reden (wollen)!

  1. Na ja, manchmal ist man froh, wenn man angesprochen wird oder die Nachbarn helfen einem. Vielleicht einfach nur kurz grüßen und dann eine Entschuldigung? Keine Zeit, Kopfschmerzen o.ä.?

    • Ich grüße ja immer. Und ich bin auch eine hilfsbereite Nachbarin.
      Aber: Ich bin eben auch jemand, der nicht gerne redet. Und ich finde, dass ich mich dafür nicht entschuldigen sollte. Das bin einfach ich.
      Ich bin mit den Sätzen:
      „Das macht man aber so!“ und „Das gehört sich einfach so!“ aufgewachsen und versuche mich daraus zu befreien. Denn mit manch einem „man“ geht es mir nicht gut.
      Ich will nicht unhöflich auf andere wirken, aber manchmal muss man es in Kauf nehmen, dass Menschen einen „komisch“ finden. 😉

  2. Deine Gedanken im Text „Nicht reden (wollen)“ sind gut geschrieben. Sie gefallen mir. Man lernt immer aus der Sprache von anderen Schreibern, mir geht es jedenfalls so.
    Grüsse Ernst

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