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Landleben

Vor ca. 7 Jahren hatte ich die fixe Idee, nun endlich erwachsen sein zu wollen. Ich bin jenseits der 30er-Schallmauer und verheiratet, also ist es an der Zeit, sich ein gemütliches Häuschen im Grünen zu suchen, dachte ich. Nachdem ich auch den Gatten überzeugt hatte, dass die gesunde Landluft uns sicher gut täte und es für den Hund ganz prima wäre, in einem Haus mit Garten zu wohnen, kauften wir in regelmäßigen Abständen die lokale Tageszeitung und studierten die Häuseranzeigen (zur Miete, versteht sich – mutiger war ich nicht). Nachdem ich schon dachte wir würden nie mehr das passende Objekt finden, tauchte sie plötzlich vor uns auf: klein, druckerschwarz in Serifen-Schrift an einem Samstag im April:

Popelkleinstadt OT Kleinkleckersdorf, EFH, 190 m², 1000 m² Grdst., Do.-Grg., Wi.-Garten, Pool, ab 01.06., KM 650 €, Haustiere und Kinder erwü.“

Es war quasi das Häuser-Schlaraffenland. Wir fuhren also viele, einsame Kilometer aufs Land, besichtigten und gerieten ins Verhandeln. Zuerst der Gatte und ich. Ich fand das Haus schrecklich, er meinte da könne man richtig was draus machen. Dann die Vermieter und wir. Wir schleimten uns durch alle Instanzen (wenn wir wollen, können wir richtig gut sein!) und bekamen schließlich den Zuschlag. Juhu, wir haben ein Haus auf dem Land und sogar einen Swimming-Pool!

Es begann das Fussball-Sommermärchen und wir renovierten uns bei 37°C im Schatten den Schweiß aus den Poren, um diesem Albtraum-Haus in grauem 80er-Jahre-Charme, Strukturwänden mit Halogen-Seil-Systemen an den Decken und bläulichem Laminat mit pinken Wänden etwas Stil einzuhauchen. Und nicht nur wir. Auch die von uns bei Handwerker-Auktionen rekrutierten Polen gaben alles, zogen uns das Geld aus der Tasche und vermittelten uns das Gefühl unwürdig zu sein.

Vorher

Vorher

Nachher

Nachher

 

 

 

 

 

Dann war es soweit. Ende Juli. Die WM war vorbei. An diesem ersten Regentag im Juli zogen wir in einem 17-stündigen Marathon aus der Stadt heraus in unser Dorf. Wochenlang hörte es nicht mehr auf zu regnen in diesem Sommer und so begann die endlose Litanei des sorgenvollen Landlebens. Und soviel dann auch zum Thema eigener Pool im Regen!

 

Pool at all

Pool at all

Es fühlte sich so falsch an. Alles fühlte sich plötzlich so falsch an. Wir schliefen schlecht, mir fiel plötzlich wieder meine Phobie gegen jede Art von Insekten ein, ich vermisste mein Hannover, die Coffee-Bars, die Menschen, das Leben. Warum will man also aufs Land ziehen, fragte ich mich und bin bis heute nicht dahinter gekommen. Was ist es, das einen dazu veranlasst, auf dem Land zu leben?

Hat man mehr Natur als in der Stadt?

Okay, wir konnten dort schön spazieren gehen, man war gleich am Waldrand, aber mal ehrlich, wir sind berufstätig, wann hat man denn Zeit für so etwas? Am Wochenende und da sind wir auch aus der Stadt aufs Land gefahren. Wo ist der Unterschied?

Hat man mehr Gemeinschaft, als in der Stadt?

Nein, definitiv nicht. Ich habe meine Freunde in der Stadt und ignorierte meine Nachbarn im Dorf erfolgreich. Es gab einfach keine Gemeinsamkeiten. Die hatten Kinder, wir waren Karrieremenschen, die hatten Katzen, wir Hunde, die gingen zur Kirche, wir sind Atheisten, die kochen, wir gehen ins Restaurant etc.

Aber, es stimmt, dass man nie alleine ist. Sie beobachten dich überall und ständig. Sie wissen immer alles! Nachbarn im Dorf. Wann man sich das letzte Mal gezofft hat, wann sich der Gatte das letzte mal richtig die Rübe zugeschüttet hat, wann wir das letzte Mal Sex hatten – nein, das will ich nicht hoffen, aber weiß man’s?

The Others

Sie waren mir unheimlich, diese Nachbarn dort. The Others. Ja, es war wirklich wie in dem Film, wer sind die Lebendigen und wer die Untoten? Ich kann es inzwischen gar nicht mehr sagen.

Ich wollte so nicht sein und leben. Es kam mir alles wahnsinnig kleinbürgerlich vor. Ich wollte weiterhin zu jeder Zeit shoppen gehen. Stattdessen sollte ich mich mit den Nachbarn über das schlechte Wetter und Hartz IV aufregen. Ich wollte mich nicht bei der Bar-Auswahl für den Abend zwischen dem Dorfkrug, der Gaststätte ‚Zur Linde’ oder dem Imbiss ‚Bei Kalle’ entscheiden müssen, wenn ich woanders zwischen Clubbing, Lounging und Dining wählen kann. Der Gatte hasste es jeden Samstag den Rasen mähen zu müssen und ich hasse Spinnen, Ratten und Mäuse im Haus.

Aber diese herrliche Natur...

Aber diese herrliche Natur…

Und so erscheint einem manchmal das Haus mit Garten plus der dörflichen Nachbarschaft wesentlich beengter, als die 100 m²-Etagen-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt. Es konnte also nur eine veritable Lösung geben: Wir waren nicht fürs Landleben geschaffen, wir mussten zurück in die Stadt.

 Veni, vidi, vici – oder nicht?

Wir jedenfalls zogen wieder zurück in die Stadt. Zum Teufel mit den Tausenden von Euros, die wir in die Kernsanierung dieser heruntergekommenen Immobilie investiert hatten. Ich musste dort weg – zurück in das Leben. Können Sie mich verstehen?

Warum ist es so schwer für manche Menschen, den Traum vom Haus im Grünen zu verwirklichen? Sind The Others auch nur irgendwelche irgendwann aus irgendeiner Stadt Zugezogene oder wurden sie im Dorf geboren, großgezogen, konfirmiert, getraut und warten auf das Begräbnis? Ich versuche mich hineinzuversetzen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Ich musste zurück ins Leben…

Man mag mir Vorurteile gegen die hiesige Landbevölkerung unterstellen, aber man kann mir nicht nachsagen, ich hätte es nicht versucht. Viele Freunde sagten mir hinterher, wir hätten einfach Pech mit dem Dorf gehabt, in anderen Gegenden wäre es viel angenehmer und weniger bedrückend. Das mag stimmen, habe ich doch von anderen Bewohnern des Dorfes, die auch zurück zogen, von ähnlichen Problemen gehört. Dennoch ist das Landleben nicht meine Szene, aber man sollte es probiert haben, um zu wissen, wie man leben will. Das zumindest, hat es mir gebracht!

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3 Kommentare zu “Landleben

  1. Wie ich mich erkenne… Eigentlich ein Stadtmensch träumte ich auch oft und intensiv vom Häuschen im Grünen, von der Kleindorfidylle inmitten grüner Natur, wo alle sich kennen, alle sich helfen, die Welt noch heil und unschuldig ist. Ich zog denn auch um, sass im Grünen, es war weder idyllisch noch ein Miteinander, zumindest nicht mit mir, da ich ja die Fremde war, die nicht dazu gehörte. Das ging auch so weit, dass mein Sohn eher aussen vor war beim Abmachen. Und ich wurde beäugt, von allen Seiten…

    Wie sehnte ich mich zurück in die Stadt, zurück in die Zivilisation möchte ich fast sagen. Ich mag Nachbarn, ich mag die Gespräche, die sich spontan ergeben, aber die haben sich bei mir eher in der Stadt ergeben. All das, was ich in der Stadt hatte und nicht mehr sah, als ich mich nach grüner Idylle sehnte, war plötzlich zur neuen Sehnsucht geworden. Nun sitze ich wieder in der Stadt. Und ab und an ertappe ich mich beim Gedanken an schöne grüne Felder. Dann verfluche ich die Häusermauern und die Strassen… Irgendwas ist ja immer, doch ich denke, ich bin zu sehr Stadtmensch, als dass ich in der Landidylle glücklich würde im Alltag. Mal zwischendurch sind grüne Felder toll und wunderbar, aber ansonsten? Nicht für mich. Und wenn ich in Zukunft wieder mal dem Landsehnsuchtsblues verfallen sollte, werde ich den Text hier lesen 😉

    • Mir geht es wie dir. Immer, wenn ich die Landluft vermisse, denke ich an die, für mich sehr traumatische, Zeit auf dem Land. Ich wurde da von Bekannten übrigens wirklich mal als „das ist die Zugezogene“ vorgestellt. Das schafft irgendwie keine Basis.
      Ich kompensiere meinen „Naturhunger“ jetzt damit, dass wir uns ab und zu ein verlängertes Wochenende in einem Landhotel gönnen. Dort habe ich Ruhe, da kann ich schreiben und da fühle ich mich wohl. Sicher auch, weil ich weiß, ich kann wieder abreisen. 😉

  2. Kann ich mir gut vorstellen. In gewachsenen Dörfern bleibt man die Zugezogene und in den Neubaugebieten auf dem Land bleiben die Pendler unter sich.

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