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Gedankentreiben 1

Deutsche Tugenden

Der Gatte kam gerade für 2 Sekunden heim, um mir das alte Hundetier zu bringen und sagte: „Furchtbares Wetter ist das.“

Erst jetzt, wo er schon wieder weg ist, blinzle ich raus und denke ‚blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Was meinte er mit schlecht?’ Ich wollte heute eigentlich joggen, aber die App sagte mir, dass es ein Gewitter geben soll. Ich laufe nicht bei Gewitter. Bei Regen, aber nicht bei Gewitter. Der Himmel ist blau. Auch so eine Ausrede mit der Wetter-App. Eigentlich bin ich zu faul zum Laufen. Also stelle ich die Laufschuhe vom Flur wieder in den Schrank.

Das Paket für die Nachbarin liegt noch im Flur. Ich bin kein Freund davon, für Nachbarn die Pakete anzunehmen. Nicht, weil ich nicht hilfsbereit sein möchte, sondern weil du es nicht mehr in der Hand hast, wann du gestört wirst. Meistens holen sie die Pakete abends ab. Dann liegst du im Pyjama auf der Couch und denkst ‚Hoffentlich kommt die nicht jetzt, um das Paket zu holen.’ Oder man duscht gerade oder es ist sonst unpassend. Und ich bin dann so tugendhaft, dass ich mich schäme, wenn es klingelt und ich öffne nicht, obwohl ich zuhause bin. Gehört sich ja nicht. Immer verfügbar sein. Das ist unsere Zeit.

Genauso, wie sich Leute oft bei mir beschweren, weil ich über mein Handy nicht erreichbar bin. Ich habe mein Handy immer auf lautlos. Ich empfinde Handys in der Öffentlichkeit als extrem störend. Meins genauso wie das Telefon von anderen Leuten. Ich frage mich, wieso die Leute in z. B. öffentlichen Verkehrsmitteln so extrovertiert sind, dass sie in voller Lautstärke telefonieren. Fehlt diesen Menschen Liebe? Oder ist das ein Aufmerksamkeitsdefizit? Vielleicht ist das auch einfach nur der Zeitgeist und ich habe Anpassungsschwierigkeiten. Wahrscheinlich sind öffentliche Telefongespräche nichts Besonderes und werden überhört, nur ich komme nicht mit.

Bin ich alt? Nein, ich fühle mich nicht so. Ich wanke manchmal zwischen Überraschung und Amüsement, wenn Menschen zwischen 20 und Mitte 30 kundtun, dass sie nun offiziell alt sind. Ich fühle mich dann super, weil ich mich in so jungen Jahren nie alt gefühlt habe. Auch als Floskel habe ich das nie verwendet. Und heute fühle ich mich immer noch nicht alt. Habe ich nur Glück gehabt? Oder ist das auch wieder nur eine maßlose Übertreibung von den „jungen“ Leuten?

Irgendwie komme ich da auf den typisch deutschen Negativismus, gibt’s das Wort überhaupt? Ja, Wikipedia hat dazu eine unglaublich passende Definition. Wie kam ich drauf? Durch Übertreibungen? Keine Ahnung warum. Gestern schrieb uns ein Kunde auf einer Karteikarte (!), das es sowas überhaupt noch gibt, die er als Brief mit der Post verschickte, dass er sofort für das Buch, das er bei uns kaufte, eine offizielle Rechnung haben will und Zitat: „Ich hoffe, Sie sind kein Steuerbetrüger!“ Wie bitte? Nur weil der Kunde seine Rechnung via Mail und nicht als Stück Papier bekam, werden wir als Onlinehändler sofort kriminalisiert. Auf unsere scharfe Nachfrage meinte er dann: „Man hört ja so viel Schlechtes über das Internet.“ Unfassbar. Vorurteile auf Prekariatsniveau und das von einem Akademiker und kauft dann, trotz Hinterwäldlerängste, seine Bücher im bösen Internet (hauptsache billig, billig), nur, um dann mit Unterstellungen zu drohen. Ach, ich rege mich schon wieder auf.

Ende des Gedankentreibens

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