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Erinnerungssammler

Meer

Meer

Als ich neulich gedankenverloren barfuss über den feuchten Sand wanderte und mir immer wieder die kalte Ostsee um die Füße spülte, erkannte ich, dass ich kein Sammler bin. All die Menschen um mich herum griffen in den Sand, spülten Muscheln und Steine im Wasser ab und zeigten sich begeistert ihre Funde. Ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis, dass ich hier und da in den hiesigen Wohnzimmern Muschelsammlungen sehe, eine kleine Flasche mit Sand gefüllt oder dekorative Steine auf der Fensterbank, selbst gesammelt und aus dem Urlaub heimgetragen. Das habe ich auch eine zeitlang getan, nur um mich dann, ein paar Monate später, über die Mitbringsel als Staubfänger zu ärgern.

Ich kann keine Erinnerungen mitnehmen.

Diese Mitbringsel sollen uns an den verbrachten Urlaub erinnern. Die Steine auf der Fensterbank sollen sagen: „Weißt du noch, damals an der Ostsee, wie toll das Wetter war?“ Die Muscheln sollen sagen: „Weißt du noch, wie romantisch das Meer gerauscht hat?“ Und der Sand in der Flasche soll sagen: „Weißt du noch, wie warm und weich der weiße Sand unter unseren Füßen war?“

Strandkorb

Strandkorb

Funktioniert das?

Hat es bei mir nie. Aber mich brachten diese Gedanken auf etwas anderes. Ich sammle keine Mitbringsel. Ich sammle Bilder. Ich fotografiere in jedem Urlaub auf Teufel komm raus alles, was ich vor die Linse bekomme. Das Meer, die Berge, den Sand, Häuserfassaden, glückliche Menschen, den Himmel usw. Egal, wo ich bin, ich muss jede Szenerie fotografieren. Ich will all die schönen Momente zwanghaft festhalten und denke, dass kann ich nur, wenn ich sie 1:1 mit nach Hause nehmen kann.

Kann man Erinnerungen mit nach Hause nehmen?

Als wir vor einigen Jahren am Bodensee waren, war ich so, ja, wirklich ergriffen von dem Panaroma, welches mir der See, die Berge und der Himmel täglich boten, dass ich unter einer gewissen Fassungslosigkeit, im Sinne des Wortes, litt. Diese unglaublichen, ständig wechselnden Blautöne, mal gestochen scharf, mal impressionistisch weich gezeichnet. Ich ertappte mich dabei, quasi pausen- und ruhelos zu fotografieren. Ich wurde dann von einer Enttäuschung getroffen, dass die Fotos niemals das wiedergaben, was ich wirklich sah. Kein Bild war so schön, so einzigartig, wie das, was meine Augen sahen.

Die exaktesten Erinnerungen haben wir in uns abgespeichert.

blauer Bodensee

blauer Bodensee

Ich merkte bald, wie sehr man sich von einer Linse und dem Wunsch, etwas unbedingt mitnehmen zu wollen, von der Realität fernhalten lässt. Die Kamera stellte sich zwischen mich und die Realität. Ich wollte meine Zeit nicht mehr damit verbringen, den Bodensee durch eine Linse zu betrachten. Ich wollte nicht mehr täglich Erinnerungsstücke sammeln. Ich wollte wirkliche Erinnerungen haben. Ich wollte den Bodensee in Wirklichkeit sehen. Und so setzte ich mich auf den Balkon, ans Ufer oder ging spazieren und stellte mich den Blautönen. Ich nahm sie alle mit nach Hause. Und ich habe sie alle immer noch in mir. Auch die Stille, den leicht modrigen Geruch vom Wasser, die Kühle des Morgennebels, der einem über die Wangen streicht und den „realen Impressionismus“ vor Augen. Alle Sinne.

Die Fotos, Steine und Muscheln sind nur Statisten. Sie lenken mich ab von dem, was ich eigentlich sehen will. Wir leben in einer Welt voller Kameras. Betrachten wir, zur Vereinfachung, vielleicht zu viel durch die Linse, um es fassbarer zu machen?

Blautöne

Blautöne

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