Ein Kommentar

Mann Frau Frau Mann

Der Abend, an dem #Aufschrei den Grimme Online Award gewann…

Summer in the City. Es war einer dieser Abende, an denen man froh war, dass endlich Wochenende war. In der Stadt war mächtig was los und fröhliche Menschen wuselten beschäftigt durch die Straßen, um eine eigene Geschichte für diesen Abend zu erschaffen.

Meine war diese:

Ich saß an einem dieser Biertische auf einer dieser Bierbänke. Nicht bequem, aber nützt ja nichts. Vor mir, auf der Bühne, spielte eine Band einen Mainstream-Kompott, der einen weder mitriss, noch nervte. Windig war es und der Himmel zog eine Bilder-Show ab zwischen „supertolles Wetter heute“ bis „oh nein, ich glaube, gleich gibt’s ein Unwetter!“. Gab es aber nicht. Es gab nur Wolken in allen Farben und Formationen. Ich genoss den Abend und nuckelte selbstzufrieden an meiner Bierflasche.

Die Drei

Neben mir am Tisch ließ sich eine interessante 3er-Gruppe nieder. 2 Frauen und ein Mann. Der Mann, groß, kräftig, artig, Mitte 40. Neben ihm eine hübsche, junge Frau. Lange, blonde Wallemähne, gertenschlank mit einem rauchigen, schmutzigen Lachen in der Kehle. Gegenüber der beiden saß eine sympathische, kleine Frau, älter als die Blondine, nicht unattraktiv. Da die musikalischen Darbietungen in ihrem Spannungsbogen unterdurchschnittlich blieben, machte ich mich an, das 3er-Geflecht neben mir zu durchschauen. Schnell fand ich heraus, dass der Typ wohl mit der kleinen Sympathischen liiert war (Küsschen hier, Händchen halten dort), während, den Gesprächen nach, die hübsche, junge Blondine auch liiert, aber ohne Partner auf der Veranstaltung war. Die drei hatten viel Spaß zusammen und der Alkohol floss in Strömen.

Der Vierte

Richtig interessant wurde es, als sich ein Vierter dazu gesellte. Es war bereits mehr als dämmrig und der beinahe volle Mond buhlte mehr und mehr um Aufmerksamkeit. Dieser Vierte war ein kleiner, alter Mann mit lustigen Turnschuhen und dreckigen Händen. Er schien hier irgendwo auf dem Fest zu arbeiten, weshalb er immer mal verschwand und dann wieder auftauchte. Er hatte sofort einen Narren an der Blondine gefressen. Und das ist noch harmlos wiedergegeben. Beinahe hätte ich mich rübergesetzt, um noch mehr Details aufsaugen zu können. Aber meine gute Kinderstube…

Befingerung

Der alte Tattergreis begann harmlos. Er bot der fröhlichen Blondine Feuer an, tätschelte ihre Hand auf dem Tisch usw. Später pirschte er sich dann von hinten an, umfasste sie, küsste ihren Kopf und ihre Haare und blies ihr sanft in den Nacken. Ekelschauer liefen mir den Rücken herunter. Das wollte alles so gar nicht passen. Der Alte war Minimum 40 Jahre älter als sie und offensichtlich nicht ihr Partner. Warum machten das alle mit? Ich war wie gefesselt von einem spannenden Thriller. Da lief etwas ab, dass sicher nicht geplant war und das unpassend und fehl am Platze wirkte. Aber sie alle lächelten tapfer. Vor allem die Blondine und die kleine Sympathische. Kein Wort über das Gegrapsche. Über unangemessenes Verhalten. Alles wurde stoisch weggelächelt. Ich kam nicht umhin mich zu fragen, ob es alle drei tatsächlich so normal fanden, dass Blondie von einem alten, unappetitlichen Herrn befingert wurde oder ob sie schlicht alle Angst hatten, die „gute“ Stimmung zu verderben?

Der Absch(l)uss

Der Abend fand seinen Höhepunkt, als das Fest eigentlich bereits hätte zu Ende sein müssen. Es war spät. Der Vollmond mit seinen schwarzen Wolken davor, die zackig über den Himmel flogen, übernahm die Show, die die Band einfach nicht an sich reißen konnte. Der Typ, die kleine, sympathische Frau und die hübsche Blonde saßen nun nebeneinander auf der Bierbank. Der sabbernde Tattergreis kam wieder einmal dazu und setzte sich ihnen gegenüber. Und während sich die beiden Frauen unterhielten, sagte der Alte zu dem Typen: „Die Blonde ist ja ein ganz heißes Gerät. Meine Güte, die hat ja alles, was „Mann“ braucht, oder? Oder?“ Der Typ antwortete nicht. Was sollte er sagen? Seine Freundin saß direkt neben ihm und fühlte sich sichtlich unwohl.

„Du sagst ja gar nichts dazu! Ist die Blonde nicht der Wahnsinn? Sag doch mal!“, setzte der Sabbernde nach.

Da sollte der Typ nun also dem Tattergreis bestätigen, was für ein heißes Gerät die Blonde war, während seine Freundin händchenhaltend neben ihm saß. Gut, dass der Typ eisern schwieg. Ich weiß nicht, ob er ein „nicht jetzt“ gestikulierte oder wirklich nur beschämt zu Boden sah, dennoch dachte ich, es gibt Männer, die kennen einfach keine Tabus. Und es gibt Frauen, die sich tatsächlich alles gefallen lassen.

Finale

Irgendwann zog man der bemühten Band den Strom ab. Wir sollten nach Hause gehen. Es war spät. Ich ging nachdenklich durch die Nacht Richtung Heimat. Ich fragte mich unwillkürlich wie es sein konnte, dass sich zwei attraktive, vermeintlich selbstbewusste Frauen derart vorführen ließen. Einmal durch das widerliche Gegrapsche, dann aber auch durch die totale Ignoranz der Männer gegenüber der kleinen, sympathischen Frau. Es muss doch verletzend gewesen sein, dass ihr Freund zwar nichts auf die Frage des alten Bocks geantwortet, aber auch nicht dagegen interveniert hatte. Außerdem fragte ich mich, wie es sein konnte, dass die Drei als, völlig harmonische, Einheit ankamen und dann, durch einen lüsternen Vierten, so zerfallen sind. Sie versuchten hartnäckig das Offensichtliche wegzulächeln, während der Alte seinen Spaß hatte. Keiner schritt ein. Keiner sagte etwas. Dafür gab es nach meiner Ansicht nur zwei Theorien: Entweder, sie fanden das Verhalten des Alten tatsächlich völlig okay, obwohl es anders wirkte oder sie hatten alle Angst davor, die „gute“ Stimmung zu zerstören. Als Spaßbremsen abgestempelt zu werden.

Wie auch immer der Abend für diese Drei ausging. Mir wird er noch lange im Gedächtnis hängen bleiben. Der Abend, an dem #Aufschrei den Grimme Online Award gewann…

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Ein Kommentar zu “Mann Frau Frau Mann

  1. Zum Kotzen. In dieser Gesellschaft leben zwar Millionen Besserwisser. Aber rechtzeitig Grenzen aufzuzeigen schaffen wenige.

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