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Der ARME Hund!!!

„Der ARME, ARME HUND!!!“, sagte die Frau mittleren Alters, mit der Strandmatte unter dem Arm. Sie ging in angemessenem Abstand an mir vorbei, wobei sie sich unentwegt umdrehte und im selben Singsang rief: „Ach, je, der arme, ARME HUND!“.

Hund relaxt

Hund relaxt

Ich blieb stehen und sah ihr verwundert und unentschlossen nach. Warf diese Aussage doch bei mir Fragen auf.

Der Himmel war schlumpfblau und wolkenlos. Irgendwo trieb die Sonne ein strahlendes Spiel. Ich ging, mit meiner Strandtasche durch die üppige Dünenlandschaft der Insel Norderney und ließ mich gefangen nehmen von der protzenden Opulenz der Natur. Und dann kam diese Frau und war so theatralisch, dass es sich für mich anfühlte, als hätte sie mich auf dem Mond abgeschossen und ich würde in trudelnden Bewegungen wieder auf die Erde fallen. Neben mir trottete mein Hund. Alt und schwer im Geläuf. Die Hündin trägt eine Gehhilfe an den Beinen mit zwei Gummibändern an den Hinterläufen, die ihr die Gehbewegungen mit der kranken Hüfte erleichtern. Sie hechelte. Wie alle Hunde, die laufen.

Fragen über Fragen

Und so kam ich nicht umhin mich zur fragen: Was wollte die Frau mir jetzt sagen? Wurde von mir erwartet, dass ich auf diese Aussage reagierte? Wieso fühlte sie sich befleißigt, sich eine Meinung über den Zustand meines Hundes zu bilden? Und warum gab es diese Frauen (und Männer) hier auf der Insel ununterbrochen?

Ich traf permanent auf diese Ausrufe: „Ach Gott, nein, der ARME Hund!“ Nach ein paar Tagen, die ich eigentlich mit dem Tier in der Natur genießen wollte, überkam ich eine gewisse Gereiztheit. Und so entschloss ich mich unwillkürlich zu antworten: „Der Hund ist nicht ARM, sondern ALT!“

Hund aufgeregt

Hund aufgeregt

Mir passiert das tatsächlich häufig, dass ich das Gefühl habe, Menschen in meiner Umgebung können es nicht ertragen, den alten Hund zu sehen. Selbst nahe Bekannte raten mir immer wieder dazu, den Hund endlich einschläfern zu lassen. Das empfinde ich als impertinent! Kann doch niemand außer mir, dem Gatten und dem Tierarzt, der den Hund seit Kindheit kennt, tatsächlich beurteilen, wie es dem Tier geht. Der Hund ist alt. Sie kann schwer und nur langsam laufen. Sie schläft viel und sie braucht ihre Zeit. Aber sehen diese Menschen, die so vorschnell urteilen, auch wie überschwänglich sich der Hund freut, wenn sie in den Park darf? Wie sie quasi ausrastet, wenn man ihr das Lieblingsessen kredenzt? Wie sie jedes Wochenende einfordert, ins Bett gehoben zu werden, um stundenlang zu schmusen?

Alter, Krankheit, Tod

Was diese Menschen nicht ertragen können, ist Alter und Krankheit. Wir leben nämlich in einer Gesellschaft, die Alter, Krankheit und Sterben komplett hinter zugezogene Gardinen verbannt hat. Und was der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist: Der Mensch darf nicht sterben. Er MUSS dahinsiechen hinter den Mauern, damit wir ewig Jungen das nicht sehen müssen. Keiner reagiert so, wenn Omma langsam mit dem Rolator durchs Leben schiebt. Keiner würde die Todesspritze fordern, weil Oppa im Altersheim betthütend dahinvegetiert. Das Tier aber soll bitte sterben! So schnell es geht, damit wir optisch nicht belästigt werden. Spritze raus, zackzack, Fall erledigt! Wenn ich auf all diese Menschen gehört hätte, wäre mein Hund bereits seit 2 Jahren tot und hätte so viele tolle Tage verpasst. Wegwerfgesellschaft.

Hund döst

Hund döst

Liebe Menschen

da draußen, die ihr im entsetzten Ton darauf hinweist, wie arm dran mein Tier ist:

Mein Tier ist alt. Wir werden alle alt (hoffentlich) und wenn wir alt sind, werden wir sterben. Und somit stellt mein Hund eine Art Spiegel für uns dar. Alter, Leid, Gebrechen, Tod. Das möchten wir nicht gerne sehen. Zumal im Urlaub auf Norderney. Das ist nicht hübsch. Da müssten wir ja nachdenken. Empfinden. Reflektieren. Nicht schön.

Dennoch: Ich werde mein Tier nicht einschläfern lassen, während es noch so viel Spass am Leben hat, nur weil ihr das nicht ertragen könnt. Mein Tipp: Schaut genau auf diesen Hund. Ich habe noch kein Lebewesen gesehen, dass mehr in Würde altert, wie meinen Hund. Man kann so viel lernen.

Bitteschön!

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4 Kommentare zu “Der ARME Hund!!!

  1. Die arme Hündin hat das Glück, Menschen gefunden zu haben, die sie durch die nicht stubenreine Phase, durch die Trotz- und Flegeljahre führten, die mit ihr die Sonnenseiten des Hundelebens genossen, die anderen mittrugen, die sie ins Alter und durch dieses hindurch führten, immer zu ihr standen, sie mit Liebe und Geduld als Familienmitglied aufnahmen und so manches in Kauf nahmen, um die Freuden des Lebens mit Hund geniessen zu können. Damit hat diese arme Hündin mehr Glück im Leben erfahren (und erfährt es noch) als so manches Tier und auch mancher Mensch.

    ich denke, hier ist eher die Frau die arme und all die Menschen, die es ihr gleich tun: Urteilen, ohne eine wirkliche Grundlage dafür zu haben, blosse eigene (unfundiere) Meinung als Massstab des Handelns hinstellen zu wollen. Daraus spricht wenig Einfühlungsvermögen und auch wenig Liebe und Mitgefühl, es ist blosses Behaupten und Rechthabenwollen.

    Ich wünsche euch noch ganz viele erfüllte gemeinsame Tage, ihr allein wisst, wie es eurem Hund geht.

    Liebe Grüsse
    Sandra und Caruso (Hund im Flegel- und Trotzalter – oder einfach sturer Hund ❤ )

  2. Dem obigen Kommentar schließe ich mich einfach an. So viel Liebe spricht aus deinem Text und ich finde es toll, dass du zu deiner Hündin stehst. Ich wünsche euch noch eine schöne, gemeinsame Zeit. 🙂

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