Ein Kommentar

Klavieren probieren

Nervös ging ich die Straße hoch, an meinem Platz entlang, die Knie ein wenig zittrig, hektisches Kaugummikauen und ein leicht angespanntes Lächeln im Gesicht. Der Himmel war wolkenlos und hell. Die Sonne versteckte sich bereits hinter den Giebeln der Jungendstilhäuser in meinem Viertel. Ich war auf dem Weg zu meiner ersten Klavierstunde.

Aufgeregt oder vielmehr vorfreudig erregt war ich, weil es ein Traum war, den ich schon immer hatte. Und das wurde mir erst in dem Moment bewusst, als ich ihn mir erfüllte. Fast ein wenig Angst bereitet es einem, weil man sich fragt, wie viele Träume man noch hat, von denen man noch gar nichts ahnt.

Klavierspielen

Klavierspielen. Das ist etwas, das die anderen machen. Nicht ich. Mir fehlt der Intellekt. Mir fehlen die Kinderstube und das passende Elternhaus. Klavierspielen. Das ist so gehoben. Das passt nicht in mein Leben. Habe doch gar keine musische Begabung. So etwas kommt in meinem Mikrokosmos nicht vor. Aber irgendwie schlummerte es in mir und ließ sich nicht vertreiben.

Dann las ich das wundervolle Buch von Hanns-Josef Ortheil „Die Erfindung des Lebens“ und war so ergriffen von seinen malerischen Beschreibungen. Vom Leben an einem öffentlichen Platz (ich lebe auch an einem Platz), von Landschaften und quirligen Städten, aber vor allem vom Klavierspielen. Ich hatte mir Zeit gelassen mit dem Buch. Hatte jedes Klavierstück, das Herr Ortheil erwähnte, bei Youtube angeschaut, war begeistert, was ein virtuoser Musiker alles zu können vermag und dachte darüber nach, wie sich Klavierspielen wohl anfühlt.

Ich habe es getan

Ich habe es getan. Ich habe mich zu einer Probestunde angemeldet. Lange habe ich mit mir gerungen. Es musste schon alles passen, dachte ich. Und dann fand das Klavier mich. Eine Musikschule eröffnete direkt an meinem Platz. Ich dachte sofort an das Konzert, dass der Protagonist bei Ortheils „Die Erfindung des Lebens“ auf dem Platz vor seinem Haus organisierte. Ein Traum. So meldete ich mich zu einer Probestunde an.

Klein sind die Räumlichkeiten der Musikschule. Zum Klavier musste ich eine steile, kleine Treppe in den Keller hinabsteigen und betrat einen engen, teilweise gefliesten Raum, der wenig einladend war. Aber der Dozent war mir sofort sympathisch und ich wusste, ich brauchte keine Angst zu haben. Nach ein paar kurzen Erklärungen zu den Fingern, zur Haltung und den einfachsten Noten, sagte er zu mir: „Spielen wir ein paar Takte.“ ‚Was?’, dachte ich, ‚ich kann doch nicht Klavier spielen!’ Aber ich konnte es. Einfach so spielte ich eine kleine, einfache Melodie und dann noch eine. Es war großartig!

Klavierspielen kann man fühlen

Kühl und gedämpft fühlten sich die großen, weißen Tasten unter meinen zitternden Fingern an. Ich war erstaunt, wie einfach sie zu drücken waren. Federleicht, auch für den kleinen Finger. Sie taten, was ich ihnen vorgab. Zuerst war ich so konzentriert auf die Noten und die Anstrengung, die richtigen Finger zu bewegen, dass ich gar keine Melodie wahrnahm. Aber dann entspannte ich mich und plötzlich war sie da. Richtige, erkennbare (noch nicht wirklich schöne) Musik. Das wird. Ich werde es schaffen und Klavier spielen. Weil ich es mir so sehr wünsche. Ich werde keine Starpianistin, aber ich werde eines Winterabends in meinem Wohnzimmer sitzen und bei klirrender Kälte draußen, im warmen Drinnen ein paar gemütliche, einfache Bar-Piano-Klassiker spielen. Nur für mich!

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Ein Kommentar zu “Klavieren probieren

  1. Deine Klavier Geschichte gefällt mir, sie ist rührend. Das Alter des Erzählers konnte ich nicht erraten, bis am Schluss merkte ich dass es sich um ein Mädchen handelt. Sehr gut geschrieben.

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