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Tschüß Bommel Teil 1

Teil 1

Meinen letzten Artikel schrieb ich Anfang Oktober. Auch sonst blieb seitdem die Tastatur stumm. Es war die Zeit, in der es anfing unserem Hund schlechter zu gehen und wir schweren Herzens planten, unsere geliebte Bommel zu erlösen. Ich konnte nicht mehr schreiben.

Es war ein sehr grauer, nie hell werdender Freitag, als das Unfassbare vollzogen werden sollte. Leichter Nieselregen und dunkel gekleidete Menschen mit hochgezogenen Kragen. Genauso sollte er wohl sein, der Tag, den wir so akribisch geplant hatten. Da unsere Tierärztin erst am Abend Zeit hatte und wir den Hund bei uns zuhause erlösen wollten und nicht in einer Arztpraxis, mussten wir diesen Tag irgendwie herumbringen. Das war nicht einfach. Wir hatten uns so viel Normalität wie möglich vorgenommen und ich schluckte immer wieder hart an meinen Tränen, der Traurigkeit über den bevorstehenden Verlust und dieser Unfassbarkeit der Situation. Während der Gatte arbeitete, ging ich zwei Stunden zum Frisör. Es kam mir so absurd vor Latte Macchiato zu trinken und Boulevardblätter zu durchstöbern, während mir kalte Schauer über den Rücken liefen.

Die ganze Woche war so schwer gewesen.

Am Montag beschlossen wir, den Hund am Freitag zu erlösen. Am Dienstag, als die Hündin gerade mal wieder ein Hoch hatte, wurden wir unsicher. Fragten uns, ob wir den Termin wieder absagen sollten, ob wir vorschnell gehandelt hatten, ob der Hund noch weiterleben sollte, ob wir vielleicht noch nicht soweit waren. Am Mittwoch ging der Gatte noch einmal zum Tierarzt und beriet sich. Dann beschlossen wir, dass der Hund am Freitag getötet wird. So ist es. Kein Schönreden. Und plötzlich kamen all die letzten Male. Man wurde sich bewusst, welche selbst kleinsten Details mit dem Hund für immer verschwinden würden. Liebevolle, schöne Dinge.

Nach dem Frisörbesuch ging auch ich zur Arbeit. Langsames, quälendes Zeitherumbringen. Bommel lag wie immer in ihrem Körbchen, schnorchelte zufrieden vor sich hin und ahnte nicht, dass sie das letzte Mal bei der Arbeit war. Gegen 17 Uhr fuhren wir mit dem Hund nach Hause. Und warteten. Warteten auf Doctor Death.

Drei Stunden verbrachten wir so. Stumpf vor dem Computer sitzend und versuchten irgendwie das Gehirn auszuschalten. Kurz vor 20 Uhr klingelte dann das Handy des Gatten. Er flüsterte nur ein „Okay“, dann drehte er sich zu mir um: „Eine Viertelstunde noch, dann geht’s los.“ Wir gingen in den Flur, hockten uns rechts und links neben den Hundekorb, streichelten unseren Hund, der sich sofort erfreut auf die Seite warf und eine Pfote hob, und weinten stumm.

In den letzten Monaten sind uns ständig Menschen begegnet, die den alten Hund betrachteten und erzählten: „Wir haben unseren vor Kurzem einschläfern lassen müssen.“ Jedes Mal wandten sich die Menschen abrupt ab und gingen davon. Ich fragte mich dann, ob ich deren Trauer nicht sehen sollte oder ob sie Angst hatten auf Unverständnis zu treffen. Es ist ja nur ein Tier. So sagen viele. Es ist ja nur ein Tier. Nie hat mir jemand erzählt, wie es wirklich war. Das Einschläfern. Wie fühlt sich das an. Es spricht niemand darüber, so dass wir keine Ahnung hatten, was auf uns zukam. Vielleicht aus Angst kein Mitgefühl zu bekommen, weil in unserer Welt das Tiertöten so selbstverständlich ist. Aber mein Hund und ich, das war eine 14-jährige, tief empfundene Freundschaft. Das war nicht banal. Das war nicht nur ein Tier. Ich spreche nun darüber. Ich muss das loswerden. Vielleicht auch, damit ich wieder schreiben kann. Ich kann erst wieder schreiben, wenn ich diese eine Geschichte erzählt habe, die meine Seele gefangen hält.

Die Türklingel

Die Türklingel, dieses eigentlich gewohnte, bekannte Schellen, ging mir durch Mark und Bein. Es schien mein Herz zum Vibrieren zu bringen  und verursachte mir für Sekunden schreckliche Schmerzen. Vorher hatte ich bereits in allen Räumen die Rollos heruntergelassen. Das tat ich jeden Tag, damit man bei Dunkelheit nicht hereinsehen konnte. Aber heute hatte das etwas Abartiges. Etwas wie, der letzte Vorhang fällt. Die Tierärztin war ruhig, freundlich, aber sachlich. Der Hund bellte erbost im Körbchen. Alleine Aufstehen und an die Tür kommen konnte sie nicht mehr. Die Tierärztin machte sich mit Bommel bekannt und trieb sanft aber bestimmt den Prozess voran. Jede kleine Eskapade von uns, Zeit zu schinden, schob sie zart beiseite. Sie fragte uns, wie wir den Ablauf wünschten und nach kurzen Erklärungen von uns, ging sie ins Wohnzimmer. Nachdem ich dem Hund auf die Beine geholfen hatte, folgte Bommel ihr erfreut und neugierig. ‚Tu es nicht!’, dachte ich und kam auch ins Wohnzimmer. Der Hund lag auf der Lieblingsdecke, wie immer, und hatte den Kopf auf dem Schoß des Gatten gebettet. Alles war ruhig, nur mein  Innerstes fühlte sich an, wie eine Sturmflut auf hoher See. Ich wollte noch so viel tun und sagen und… Aus dem Augenwinkel sah ich plötzlich, wie die Tierärztin bereits eine Spritze aufzog. Ich griff mir kurz ans Herz, atmete tief und klagend aus und kniete mich dann hin. Ich küsste den Hund zweimal auf den Kopf, dann auf die Schnauze, streichelte ihr über die Stirn und schnupperte an ihren Ohren. Dann ging ich zur Tür und drehte mich noch einmal um. „Tschüß Bommel“.

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2 Kommentare zu “Tschüß Bommel Teil 1

  1. Ich stand heute morgen schon weinend am Bahnhof, als ich deinen Text gelesen habe. Einen guten Freund einschläfern lassen zu müssen ist so eine schreckliche Erfahrung. Ich glaube aber fest daran, dass Bommel dich jetzt gerne trösten und dir „danke“ sagen würde…

  2. Vielen Dank für deine Worte. Ich denke auch, dass es für den Hund eine Erlösung war. Und ich habe meine schönen Erinnerungen, werde sie nie vergessen. Sie war ein toller Hund.

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