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Tschüß Bommel Teil 2

„Tschüß Bommel.“ Ich lief rüber ins Büro und schloss die Tür hinter mir. Draußen war stockfinstere Nacht, obwohl es gerade erst 20 Uhr war.

Ich will nicht, dass mein Hund stirbt!

Irgendwas Banales. Irgendwas Profanes. Ich setzte mir Kopfhörer auf und spielte Computerspiele mit kreischend lauter Musik. Ich wollte nicht dabei sein, wenn sie stirbt. Meine geliebte Hündin Bommel. Ich wusste, dass ich aufgewühlt sein würde und wollte das nicht auf den Hund übertragen. Wollte, dass der Hund nicht angesteckt wurde von meinen extremen Gefühlen und ebenfalls Angst bekam. Also zog ich mich zurück. In mir stieg eine unvorstellbare Verzweiflung auf. Mit all meiner Kraft musste ich den Impuls unterdrücken, ins Wohnzimmer zu rennen. Immer wieder dachte ich: ‚Ich kann es noch aufhalten, wenn ich jetzt rüber renne, kann ich das alles noch stoppen! Ich will nicht, dass mein Hund stirbt!’ Aber ich rannte nicht rüber…

Bommel hat es geschafft.

Ich spielte Jungle Jewels, Sodoku, Solitär und irgendwann öffnete jemand die Bürotür. Ich drehte mich um. Keiner da. Der Gatte und ich hatten vereinbart, dass er mir Bescheid sagte, wenn es vorbei war, aber offensichtlich konnte er nicht sprechen. Ich ging in den Flur, ganz vorsichtig, es war beinahe ein Anschleichen, als ob etwas Schlimmes passieren würde, wenn ich mich schneller bewegte. Im Flur an der Haustür stand die Tierärztin und schlüpfte in ihre Jacke. Alleine. Ich ging zu ihr. Einfühlsam teilte sie mir mit, dass Bommel es geschafft hat.

Sie redete viel. Ich hörte Worte wie Rechnung, Steuer, Post, verstand aber deren Bedeutung nicht. Bommel hat es geschafft. Die Tierärztin zog den Reißverschluss zu und öffnete die Wohnungstür. Kurze Verabschiedung. Bommel hat es nun geschafft. Erst, als die Tierärztin gegangen war, traute ich mich ins Wohnzimmer. Auf dem Boden saß der Gatte und streichelte den Hund. Unseren Hund. Der Gatte weinte.

Das kleine Herz hörte auf zu schlagen

Ich erschrak beinahe, weil der Hund so friedlich aussah. So, als würde sie schlafen. Sie fühlte sich noch ganz warm an. Sie lag da, wie sie immer dalag, wenn sie total entspannt war. So ruhig und friedlich. Nein, sie hatte keine Angst gehabt. Das war mir so wichtig! Wir wollten sie zuhause einschläfern lassen, in ihrem geliebten Umfeld, damit sie keine Angst hatte. Und unser Plan war aufgegangen. Sie ist ganz friedlich auf dem Schoß des Gatten eingeschlafen. Hatte einfach die Augen geschlossen und das kleine Herz hatte aufgehört zu schlagen.

 

Bommel

Bommel

Unvorstellbare Stille

Ich weiß nicht, wie lange wir so dasaßen und Abschied nahmen. Eine wellenförmige Traurigkeit erfasste mich. Mal bebte ich innerlich, ob meines Verlustes, mal beruhigte ich mich und erfasste die Situation. Sog sie in mir auf. Dann klingelte es wieder. Diesmal war es der Gatte, der sich zurückzog. Auch das hatten wir so abgesprochen. Dem Tierbestatter wollte er nicht begegnen. Seine Eindrücke so behalten, wie sie waren. Also regelte ich das. Formalitäten, Verträge, Prozedere. Ich ließ das alles über mich ergehen. Ich hatte mich die Woche ausreichend damit befasst, wusste also was ich wollte ohne denken zu müssen. Prüfte nur die Fakten und unterschrieb. Der Tierbestatter bat mich dann, den Raum zu verlassen, da es vielleicht zu schmerzlich sei, zuzusehen, wie unser geliebter Hund abtransportiert wurde. Also ging ich. Als ich wieder in das Wohnzimmer kam, war die Stelle leer, an der so viele Jahre mein geliebter Hund gelegen und geschlafen hatte. So eine große Leere. Ich konnte nicht aufhören, auf den leeren Teppich zu starren. Dann verabschiedete sich der Tierbestatter und es wurde still. Unvorstellbare, nicht auszuhaltende Stille!

Das Danach

Aber auch dafür hatten wir vorgesorgt und einen Plan. Die Stille zuzulassen, dafür war es zu früh. Also verfielen wir in hektischen Aktionismus. Wir packten alle Hundesachen zusammen, die wir finden konnten. Blickten in jeden Schrank, durchwühlten alle Schubladen. Nichts entging unseren suchenden Augen. Und es hatte sich viel Hundezeug angesammelt in 14 Jahren. Wir verfrachteten alle Hundesachen ins Auto, rannten wieder in die Wohnung, griffen uns ein paar Klamotten und die Zahnbürste. Dann sprangen wir ins Auto und fuhren los. Es war später Freitagabend und stockdunkel. Leichter Sprühregen sprenkelte  auf die Windschutzscheibe und brachte sie zum Glitzern. Wir waren fast alleine auf der Autobahn und fuhren in die Dunkelheit.

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