Ein Kommentar

Tschüß Bommel Teil 3

„Tschüß Bommel.“ Teil 3

Es war beinahe Mitternacht, als wir in Bremen ankamen und das Hotelzimmer bezogen, das wir bereits letzte Woche gebucht hatten. Wir beäugten kurz das Zimmer und befanden sofort, dass wir nicht hierbleiben konnten. Nicht zur Ruhe kommen konnten. Wir pilgerten an der Schlachte in Bremen entlang und gingen in ein Lokal, wo wir auch zu dieser späten Stunde noch etwas zu Essen bekommen konnten. Nur essen konnten wir nicht. Also bestellten wir Cocktails. Ich versuchte die Atmosphäre um mich herum einzusaugen, doch es wollte mir nicht gelingen. So viele fröhliche, lachende Menschen. Die laute Musik und die gutgelaunten Kellner. Aber mein Innerstes war voll. Voll von Trauer, Schmerz, Verlust. Es war kein Platz mehr für die Wirklichkeit. Wir tranken und weinten und machten vermutlich einen sehr eigenartigen Eindruck. Also wechselten wir in eine dunkle Bar. Diffuses Licht, weniger Menschen, mehr Ruhe und stärkere Getränke. Irgendwann trat sie dann ein, die große Erschöpfung. Nun mussten wir uns zur Ruhe begeben, ob wir wollten oder nicht. In unserem Hotelzimmer fiel ich in einen wenig erholsamen Schlaf.

„Weißt du noch damals, als sie…“

Als ich am Samstag erwachte, fühlte es sich an, wie ein Faustschlag ins Gesicht. Der Schlaf hatte mich beschützt, mir den Schmerz vom Leib gehalten, mir in der Aufwachphase vorgegaukelt, alles wäre gut. Doch als ich die Augen öffnete und mich im Hotelzimmer wiederfand, sah ich, dass nichts gut war. Bommel war nicht mehr bei uns!

Der Gatte und ich waren uns einig, dass Bewegung das Einzige war, was half. Also machten wir uns unermüdlich auf den Weg. Wir pilgerten durch Bremen, als wären wir noch nie hier gewesen. Entdeckten alles neu. Dabei erzählten wir uns Geschichten von Bommel. Erinnerungen. Schöne Erinnerungen. „Weißt du noch damals, als sie…“.

Und wir versicherten uns immer wieder, dass wir alles richtig gemacht hatten. Bommel war 14 Jahre alt. Sie konnte nicht mehr alleine aufstehen, hatte schwere Hüftprobleme und Knochenkrebs. Es lag in unserer Verantwortung, sie zu schützen. Das hatten wir getan, auf die sanfteste Art, die uns einfiel und es machte sich auch ganz zaghaft ein neues Gefühl in uns breit.

Erleichterung

Erleichterung. Darüber, dass wir das geschafft hatten, aber auch darüber, nun wieder ein Leben nach der Fürsorge für das Tier leben zu dürfen. Wir gingen und gingen und gingen. Der Bremer Himmel war milchig. Hell und doch so bedeckt, dass es bedrückend wirkte. Immer wieder kam der Punkt der Erschöpfung. Der Punkt an dem wir einkehren mussten und Pause machten. Dann kamen die Tränen. Dann überfiel mich die bodenlose Trauer meines Verlustes. Wenn wir weitergingen, kamen die schönen Erinnerungen. Der Gatte weinte weniger. Aber wenn man bemerkt, wie sich ein Gesicht verändert, wenn es trauert, sieht man, wie ein Mensch leidet.

Sprachlos

Wir trafen einen Freund, der selbst zwei Hunde hat und schenkten ihm alle Bommelsachen. Ich konnte nicht dabei sein, als die Sachen umgeladen worden. Auch das Foto, das er später schickte, wie sein Hund in Bommels Korb lag, tat mir weh. Dennoch wurde es besser. Stunde für Stunde gab es mehr Platz für mehr Gedanken.

Als ich am Sonntag erwachte, merkte ich, dass es nicht mehr so stark wehtat. Und ich wusste, es braucht Zeit, dann kann ich auch wieder sprechen. Sprechen mit anderen Menschen, außer dem Gatten. Das ging an diesem Wochenende nicht. Ich war wirklich im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos.

über den Regenbogen gegangen

über den Regenbogen gegangen

Zurück

Es war der Sonntag, an dem wir heimkehren mussten. Das wollten wir nicht. Wie sollte das gehen? Alltag ohne Bommel? Wir schindeten Zeit, so viel wir konnten, doch irgendwann mussten wir heimfahren. Die Wohnung zu betreten war ein Schock für mich. Die heruntergelassenen Rollos. Der leere Teppich. Es war, als wäre immer noch diese schreckliche Freitagnacht. Wir machten in allen Räumen Licht, zogen die Rollos hoch, obwohl es draußen bereits wieder dunkel war und rissen alle Fenster auf, als könnten wir so das Leben hereinlassen. Ich machte Pläne. Wir mussten an die Hundkorbstelle neue Möbel stellen, der Teppich musste raus, vielleicht einen Urlaub buchen oder ganz umziehen? Neue Wohnung, neue Perspektive? Diese Plänemacherei half mir, in die Zukunft zu blicken und die neue Woche als neuer Mensch zu beginnen.

All die ersten Male

Wir begannen den Montag routiniert und plötzlich waren sie da, nach all den letzten Malen: all die ersten Male. Das erste Mal kein Hundegebell, als der Postbote kam, das erste Mal, dass der Gatte nachts nicht mehr zur Gassirunde raus musste, das erste Mal fernsehen ohne Hundeschmusen. Aber es wurde besser. Der Schmerz wurde täglich weniger und ich wusste, dass es mir bald besser gehen würde.

Der Platz, an dem ihr Körbchen stand, war so leer, dass ich ihn am Montagvormittag mit einem Blumenstrauß dekorierte, den ich noch im Wohnzimmer hatte. Leicht verwelkt, fand ich ihn trotzdem passend. Als ich fühlte, dass das nicht reichte, stellte ich eine Kerze dazu. Dieses warme, helle Licht erfüllte mein Herz. Mein Bommel. Der Gatte kam am Abend nach Hause, sah die Blumen und die Kerze, ging ins Büro und begann zu weinen. Ich ging hinterher und bat um Verzeihung. Ich wollte ihn nicht traurig machen. Er sagte mir, dass er die Kerze schön findet und er denkt, dass er die Kerze noch lange brauchen wird.

Inzwischen ist Bommel mehr als 8 Wochen tot und es geht uns gut. Inzwischen überwiegt tatsächlich die Erleichterung über die Trauer. Wir müssen nicht mehr organisieren, uns nicht mehr absprechen, nicht mehr fürsorgen und nicht mehr täglich fremden Menschen etwas über den Hund erklären. Wir fühlen uns auch befreit.

Ich werde oft gefragt, wann wir uns wieder einen Hund anschaffen werden. So geht das nicht. Bommel war etwas ganz Besonderes. Bommel hat viel Liebe gefordert und dafür so viel mehr zurückgegeben. Sie ist nicht ersetzbar. Sie war zu großartig. In ein paar Jahren vielleicht. Das will ich nicht ausschließen. Aber solange ich noch weiß, wie ihre Ohren rochen, wie sich ihre kalte, feuchte Schnauze auf meiner Haut anfühlte und wie sie wohlig grunzte, wenn ich sie in den Armen hielt, solange habe ich einen Hund und brauche kein neues Tier.

Die Kerze brennt noch immer in unserem Flur. Ich weiß, dass viele Menschen denken, was für ein Drama wegen einem Hund. Diese Menschen tun mir leid, denn  sie wissen nicht, was ihnen entgeht, wenn man sich auf ein Tier einlässt.

Für Bommel

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Ein Kommentar zu “Tschüß Bommel Teil 3

  1. Ich möchte euch gerne einen Kommentar hinterlassen, doch um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht genau, was ich euch sagen soll. Mein Mann sah mich am Computer sitzen und weinen. Ein Blick auf den Bildschirm, Bommels Bild, das genügte ihm schon, um zu ahnen, weswegen ich weinte.
    Zweieinhalb Jahre ist es her, dass wir meine Sina einschläfern lassen mussten. Und es schmerzt noch immer. Als ich von Bommels Anschied las, standen mir die Bilder wieder vor Augen; ihr unbändiges Vertrauen zu mir beim Tierarzt, ihre letzten Atemzüge und dann die Ruhe. Ich vermisse sie noch immer. Ich bin froh, dass wir noch einen Hund haben, dass ich immer noch ein Fell habe, in dem ich mein Gesicht vergraben kann, einen Hund, den ich ausführen kann und der Passanten am Zaun ankläfft. Trotzdem: unsere Alte ist nicht meine Sina. Es gibt keinen Ersatz für sie. Und doch weiß ich, es wird immer einen Hund in unserem Haushalt geben, auch wenn wir mit unserer Alten ebenfalls diesen unausweichlichen Weg zum Tierarzt werden gehen müssen. Vielleicht nicht sofort. Aber irgendwann.

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