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„Ich hätte meinen Mann so nicht herumlaufen lassen.“

In meiner wohlverdienten Weihnachtspause begab ich mich mit dem Gatten in ein lauschiges Wellnesshotel in den Bergen. Wir genossen die Ruhe und die Entspannung in vollen Zügen. Im hauseigenen Wellnessbereich gab es einen herrlichen Pool, den wir fast immer für uns allein hatten. Von unserem Zimmer aus ging man nur wenige Schritte bis zu einem Fahrstuhl, der direkt in den Wellnessbereich führte. Wie man uns bei der Vorstellung des Hauses mitteilte, ist es durchaus erwünscht, diesen kurzen und direkten Weg im Bademantel zurückzulegen.

Unisize

Diese Bademäntel fanden wir im Zimmer auf unseren Betten. Ich habe eine große Schwäche für strahlendweiße, flauschige Hotelbademäntel! Wir kuschelten uns in jeweils den Bademantel, der auf der jeweiligen Betthälfte lag und wollten dann hinunter an den Pool. Mir war der Bademantel wie üblich zu groß. Die Ärmel ähnelten der Länge einer Zwangsjacke und die Beinlänge glich der eines bodenlangen Abendkleides. Dem Gatten war der Bademantel wie üblich zu klein. Da die Hotelbademäntel häufig unisize sind, kicherten wir kurz über den Größenunterschied und gingen dann in den Wellnessbereich. Tatsächlich machten wir uns keine Gedanken darüber, dass der Gatte quasi nicht mehr als einen weißen Lendenschurz trug, während ich in meinem Mäntelchen versank. Auf die Idee, die Bademäntel einfach mal zu tauschen, kamen wir nicht. Unisize! Ich fand es lustig.

Stillleben Pool mit Bademantel

Stillleben Pool mit Bademantel

Im Wellnessbereich kam dann eine freundliche, aber bestimmte Angestellte auf uns zu und nahm den Gatten beiseite: „Ihr Bademantel ist viel zu klein! Ich hole Ihnen sofort eine andere Größe!“ lächelte honigsüß und diensteifrig. Der Gatte lächelte erleichtert zurück. Im Weggehen drehte sie sich noch einmal zu mir um und sagte schmallippig: „Ich hätte meinen Mann so nicht herumlaufen lassen.“

Mit offenem Mund vor Erstaunen blieb ich zurück. Hatte die mich gerade gerügt, weil der Gatte nicht ordentlich gekleidet war? Wieso war das meine Schuld? Noch lange hing mir dieser Satz nach. Die Dame war etwas älter als ich. Gehörte sie damit einer anderen Generation an? Einer Generation, die ihre ehefrauliche Verpflichtung darin sah, ihren Gatten zum Kind zu degradieren? Ich bin der Ansicht, und der Gatte teilt diese Ansicht, dass er ein erwachsener Mann ist. Er isst, trinkt und spricht allein, er vollzieht seine Körperhygiene allein und er zieht sich alleine an. Und wenn er der Ansicht ist, dass er in selbst erwählten Kleidungsstücken durch ein Hotel marschieren kann, wer bin ich dann, dagegen zu intervenieren? Sein Leben, sein Selbstwert. Die Zeiten, wo Frauen den Herren die Kleidung parat legen, das Essen auf den Tisch stellen und abends die Puschen und das Bier bringen, Entschuldigung, aber die Zeiten sollten doch wirklich vorbei sein.

Zeitreise

Diese Dame empfand den Gatten als unangemessen gekleidet, womit sie absolut recht hatte. Aber sie machte MICH dafür verantwortlich. Und das ist, als hätte ich eine Begegnung mit den 50er Jahren gehabt. Nein, tut mir Leid, aber diese Verantwortung nehme ich nicht an. Und der Gatte findet es vollkommen in Ordnung, für sich selbst zu entscheiden und sich nicht von einer Ehefrau bevormunden zu lassen.

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