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Paprika wiegen

Ich stehe an der Kasse. Die Lebensmittel unlängst auf das kurze, schwarze Fließband gelegt, das wie ein plattgewalzter Autoreifen aussieht. Noch drei Kunden vor mir. Unappetitlich. Für MEINE Lebensmittel. Dieses Fließband. Langsam zuckeln meine Lebensmittel an mir vorbei. Ich versuche mit ihnen auf gleicher Höhe zu bleiben. Noch zwei Kunden vor mir. Ich ziehe routiniert mein Smartphone aus der Tasche und notiere gedanklich die Uhrzeit. 13:15 Uhr. Ich gehe im Kopf meine imaginäre Liste durch. Ich komme auf 15 Punkte, die ich heute Nachmittag noch zu erledigen habe. Der Tag ist zu kurz. Noch eine Kundin vor mir. Ich bin nicht gut im Warten. Warten strengt mich an. Stehen und körperlich zum Nichtstun gezwungen, während dein Verstand die Zeit hat, dir ununterbrochen ToDos zuzurufen, die du ad hoc nicht erfüllen kannst. Quälend!

Die Kassiererin zieht gekonnt meine Lebensmittel über den Scanner. Endlich! Gleich bin ich hier raus. Fast ein wenig beschwingt schiebe ich den Einkaufswagen vor und werfe meine Einkäufe wieder hinein, die ich vor ein paar Minuten alle aus dem Wagen auf das Band gelegt hatte. Absurd.

„Haben Sie die Paprika nicht gewogen?“ Ich stutze und schaue auf den dünn-knisternden Klarsichtbeutel mit drei prallen, roten, wunderschönen Paprikas.

‚Gehst du hier mal einkaufen.’, habe ich gedacht. ‚Mal ein anderer Supermarkt.’, habe ich gedacht. ‚Alles bio.’, habe ich gedacht. ‚Nicht wie sonst immer.’, habe ich gedacht. ‚Liegt ja auf dem Weg.’, habe ich gedacht.

„Nein.“, sage ich. „Ich dachte Sie wiegen die Paprika an der Kasse. Wie das in anderen Supermärkten üblich ist.“

Wieso ist das Wiegen von Obst und Gemüse in deutschen Supermärkten nicht genormt? Gibt doch sonst für alles Regeln und Bestimmungen. Ich will mich nicht mit der Störung im Ablauf befassen. Ich will meine Einkäufe einpacken und meinen 15-Punkte-Plan abarbeiten. Ich will, dass alles gleichförmig weiter fließt, wie bisher.

„Wollen Sie die Paprika noch wiegen? Die Waage ist gleich da vorne.“

Ich drehe mich in Zeitlupe herum und scanne den Supermarkt nach der Gemüseabteilung ab. An der Menschenschlange hinter mir vorbeiquetschen. Um ein Regal mit Süßigkeiten herum. Die Waage in der Gemüseabteilung suchen. Verstehen, wie sie funktioniert. Wiegen. Wieder um das Regal mit den Süßigkeiten herum. An der Menschenschlange an der Kasse vorbeiquetschen. Während mein Kopf sich in Zeitlupe zurück dreht, sehe ich die Menschen, die hinter mir stehen, an meinem Blick vorbeiziehen. Verdrehte Augen sehe ich. Schmallippig gekräuselte Lippen sehe ich. Beinahe unmerklich auf den Einkaufswagen klopfende Finger sehe ich. Dünnes Schnauben höre ich.

„Wollen Sie die Paprika nun noch wiegen?“

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