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Allein im Hier und Jetzt

Ich bin allein im Hier und Jetzt.
Traurig? Nein, traurig ist das nicht. Die meiste Zeit des Tages bin ich alleine. Selbstgewählt alleine. Nicht einsam. Allein. Ich fühle mich wohl, so wie es ist. Ich will es so. Menschen den ganzen Tag um mich herum? Das strengt mich an. Das mag ich nicht. Ich bin beschäftigt, den ganzen Tag. Ich wünschte mir sogar, ich könnte meine Alleinheit mehr dafür nutzen, weniger zu tun, um mehr über mein Innerstes zu erfahren.

Ich bin allein im Hier und Jetzt.
Das Alleinsein ist nicht das Problem. Das Jetzt ist auch nicht das Problem. Das Hier ist das Problem. Mit Hier meine ich diese Stadt. Ich bin unruhig. Ich denke manchmal, ich bin fertig mit dieser Stadt. Nicht negativ gemeint. Mehr so ein „Alles hat seine Zeit“. Ich lebe seit 1994 hier. Ich will weiter. Ich will raus und mehr erleben. Nicht in ein- bis zweiwöchigen Urlauben. Ich will raus aus der Komfortzone.

Ich bin allein im Hier und Jetzt.
Doch dann liege ich abends auf meinem gemütlichen Sofa, schaue auf den gigantischen Flachbildschirm bunt-bewegte Bilder an, nippe an meinem Wein und denke: ‚Du hast es so gewollt. Es ist alles so gekommen. Sei glücklich mit dem, was du hast. Es ist so viel mehr, als die meisten haben.’ Will sagen: Sich aus der Komfortzone zu erheben, das Köfferchen zu packen und loszuziehen ist vermutlich viel schwieriger, als unterwegs zu sein.

Ich bin allein im Hier und Jetzt.
„Mach doch mal etwas Neues.“ „Geh doch mal schön Kaffeetrinken oder in den Park.“ „Geh doch mal ins Kino oder ins Theater.“ Alles so Ratschläge, die mich schon lange nicht mehr weiterbringen. Mache ich ja alles. Auch und vor allem alleine. Das reicht nicht mehr. Ich beschäftige mich tagein, tagaus mit den Dingen, die wir gesellschaftlich genormt als akkurate Freizeitbeschäftigung anerkannt haben. Nur füllt mich das nicht aus. Es füllt nur den Tag. Ich war eine Reisende. Seit 20 Jahren bin ich nun hier. Ich bin fertig mit dieser Stadt. Nur ist der Wille nicht stark genug, um den Weg zu finden.

Ich bin allein im Hier und Jetzt.
Was, wenn ich nicht gehe? Wenn ich es nicht schaffe weiterzureisen? Was, wenn ich im Alter auf dem Sterbebett sagen muss: „Damals, 2014, da hätte ich noch weitereisen können.“?

 

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6 Kommentare zu “Allein im Hier und Jetzt

  1. Ich erkenne mich so gut wieder… wunderschöner Text. Danke dafür!

  2. mit „Sich aus der Komfortzone zu erheben, das Köfferchen zu packen und loszuziehen ist vermutlich viel schwieriger, als unterwegs zu sein.“ … da hast du vollkommen recht und es so schwarz auf weiß zu lesen macht mir ebenfalls deutlich, dass auch ich in der Komfortzone feststecke, auch wenn ich weiß, dass in einer Katastrophe enden kann.

  3. Deine unterscheidung finde ich wichtig zwischen Alleinsein und Einsamkeit.
    Auch ich erkenne mich inmanchen wieder: Dem selbst gewählten Alleinsein, dem Wunsch nach Veränderung, nach Reisen, nach einem anderen Ort, einem anderen land – nur nicht in der Zufriedenheit auf Sofa und vor Flachildschirm.

    Gruß von Frida

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