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Der Flügel

Vor etwa einem Jahr erfüllte ich mir einen Traum. Ich nahm Klavierunterricht. In Ermangelung eines Übungsgerätes lieh ich mir in der Musikschule ein E-Piano. Für meine stümperhaft kläglichen Klangversuche ausreichend. In dem Institut, das ich wöchentlich zum Unterricht besuche, steht ein nettes anwohner- und nachbarnfreundliches digitales Piano von Thomann, auf dem ich herumklimpern darf. Ich mag das Spielen auf Tasten. Fortschritte sind erkennbar, die darin gipfeln sollten, dass ich mich lässig whiskeyschwanger nachts um drei Uhr in einer Bar an das Klavier werfe und jazzige Balladen schmettere. Davon bin ich Galaxien entfernt, aber Übung …

Beim Plaudern mit meinem charmanten, enthusiastischen Lehrer, der mit seinem feinsinnigen Gehör zu leiden hat, stellten wir vor vielen Monaten fest, dass ich noch nie auf einem echten Klavier gespielt habe. Mich hat das nicht gestört. Ich kenne den Unterschied nicht. Vorgestern Nacht erreichte mich dann eine Nachricht meines Lieblingsklavierlehrers über den Termin der nächsten Stunde und das ich am nächsten Tag an einen anderen Ort kommen sollte.

Strömender Regen. Nachtschwarzer Himmel. Schmerzhafte Kälte. Das feuchte Himmelsnass tropfte mir von der durchweichten Pudelmütze, während ich mit dem Fahrrad zum Unterricht fuhr. Mir froren die klammen Finger ab. Dezember in Hannover. So war die Laune, als ich zehn Minuten zu spät zum Unterricht eintraf.

Mein Klavierprofi, anfangs leicht angesäuert über die Verspätung, führte mich durch lange Flure und viele Treppen hinauf. Ich verstand den Ortswechsel noch immer nicht, bis er eine Tür öffnete.

Klavier

Klavier

Dort stand er! Majestätisch, edel, erhaben und unfassbar schön. Mein Pianodozentissimo hatte mir als verfrühtes Weihnachtsgeschenk einen Traum erfüllt. Ein Übungsraum mit einem richtigen Konzertflügel. Vor Ehrfurcht hielt ich den Atem an und ging stumm um das Instrument herum. Es ist nicht einfach nur ein Instrument. Es ist ein Statement. Dieser Flügel, lackschwarz, glänzend, beinahe arrogant, von Steinway & Sons machte einen Raum erst zu einem Raum. Und wenn er dort stand, wo er stand, dann galt ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es gab keine anderen Götter neben ihm.

Nachdem sich meine Ehrfurcht gelegt hatte, zeigte mein Traum-Klavierlehrer mir die technischen Details. Dann … dann durfte ich spielen. Es funktionierte! Der Flügel und ich schlossen Freundschaft von der ersten Sekunde an. Ich wollte mich schon verfrüht für meinen Dilettantismus entschuldigen, aber dann merkte ich, dass Finger und Tasten sich mochten. Es war irgendwie weich und trotz rückenlehnenfreiem Hocker konnte ich mich in die Klänge hineinlegen. Fühlen. Genießen. Es war berauschend.

Flügel

Flügel

Die Zeit flog viele zu schnell vorbei und plötzlich stand ich wieder draußen, allein mit dem Regen und der Dunkelheit. Aber jetzt mit einem warmen Lächeln im Gesicht. Danke dafür!

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