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Wir schenken uns nichts

Der Regen fällt duschwasserwarm wie ein Vorhang vom Himmel. Die winterlichen Temperaturen pendeln sich auf föhnige 12 °C ein. Traurig hängen Äste von Bäumen herab, als wollten sie einmal über den schlammigen Boden streichen. Das Tageslicht wechselt von stockduster über dunkel zu dampfgrau und wieder zurück. Man fühlt es sofort: Es ist Weihnachten. Mich überkommt in diesen vier bedeutungsschwangeren Adventwochen immer ein kindischer Übermut. ICH LIEBE Weihnachten. Tja!

Ich dekoriere meine Wohnung. Alles wird warm und hell beleuchtet, der Baum aufgestellt und dann die Listen … An wen möchte ich denken? Wem schreibe ich eine Karte? Mit wem werde ich Weihnachten zusammen sein?
Und dann kommt er unweigerlich irgendwann. Der Satz:

Wir schenken uns doch nichts.

Nein? Ich bin ein Schenker. So ist das. Ich schenke gerne. Ich mache mir Gedanken. Ich freue mich über meine tollen Ideen. Ich besorge Geschenkpapier in allen Farben, habe ein Faible für Schleifenband und ich zelebriere den vorbereitenden Akt des Schenken. Aber ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass das Schenken, dieser profane, nackte, völlig forderungsfreie Akt, einen total negativen Ruf hat. Schenken wird als lästig empfunden. Sich Gedanken über seine Familie, den Partner und Freunde zu machen, sich Mühe zu geben, jemanden zu überraschen und zu erfreuen scheint in unserer Gesellschaft eine schlichte Tortur zu sein. Schenken oder beschenkt werden, eine Belastung? Finde nur ich das total grotesk?

Jetzt habe ich gar nichts für dich!

Es geht aber noch weiter. Ich kann ja sagen, gut, schenkst du mir nichts, aber ich habe Lust, dir eine Freude zu machen und mich dann daran zu erfreuen. Wenn das so einfach wäre. Denn häufig erlebt man dann, dass der Beschenkte noch vorwurfsvoll reagiert: »Wir wollten uns doch nichts schenken. Jetzt habe ich gar nichts für dich!«
Der Beschenkte empfindet es folglich nicht nur als Last und Dealbreaker, dass man doch ein Geschenk besorgt hat. Er hat auch noch Schuldgefühle, weil er sich nicht revanchieren kann. Du darfst also nur ein Geschenk annehmen, wenn du eine Gegenleistung bringst? Ansonsten bitte beschämt in die Ecke stellen? Läuft das nicht dem Akt des Schenkens total zu wider? Ist Schenken nicht, per Definition, OHNE Gegenleistung zu werten? Woher kommt dieses Gefühl der Menschen, nichts schuldig bleiben zu wollen? Bei Freunden? In der Familie? Da sollte es gar keine Schulden geben können. Da macht man Dinge gerne und selbstverständlich. Oder nicht?

Freude bereiten ohne Hintergedanken

Nein, wenn ich etwas schenke, möchte ich jemandem und mir eine Freude machen. Schöne Momente. Ich möchte nichts zurück bekommen, außer ein Lächeln und schon gar keine Schuldgefühle. Und ich empfinde es als außerordentlich traurig, dass wir uns von Arbeit, Alltag und Stress so verschlucken lassen, dass keiner mehr Lust hat sich zu Weihnachten etwas zu schenken. (Und damit meine ich natürlich kein Geschenkewettrüsten um Eindruck zu schinden). Ich schreibe hier von Vorfreude, Freude und Aufrichtigkeit.

Lasst euch doch beschenken ohne Schuldgefühle und gebt euch Mühe bei denen, die euch wichtiger sein sollten, als Arbeit, Stress und Hektik. Es ist das Fest der Liebe. Ich liebe Weihnachten. Und ich beschenke meine Liebsten. Basta!

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5 Kommentare zu “Wir schenken uns nichts

  1. Ich schenke auch sehr gerne. Und genau wie Du tue ich es nicht um genausoviele Geschenke zurück zu bekommen. Aber auch genau wie Du möchte ich etwas zurück: Freude. Und ich denke, dies unterschätzen wir. Wir wollen damit ganz schön viel zurück. Nicht nur von Leuten, die sich nichts gewünscht haben oder denen unser Geschenk nicht gefällt, sondern sogar von Leuten, die gesagt haben, dass sie nicht wollen.
    Und anders als Du sagst, ist in allen Kulturen das Geschenk immer und immer schon mit der Pflicht eines Gegengeschenks verbunden. Nicht, weil wir Schenkende es wollen, sondern weil die Beschenkten sonst Verlegenheit empfinden. Das ist universell, außer bei Kindern.
    Wir Schenkfreudigen sollten nicht zu militanten Ego-Schenkern werden und nicht versuchen, allen unsere Schenkleidenschaft aufzudrängen. Ein bisschen mehr Respekt vor den Wünschen andere sollten wir haben. Auch wenn deren liebster Geschenkwunsch es ist, keins zu bekommen.

    • Also das sehe ich ganz anders! Ich bin ganz sicher kein militanter Ego-Schenker. Ich spreche von Menschen die mir am nächsten stehen und die mich und ich sie ganz tief kenne. Das ist, denke ich, viel harmloser und gefühlvoller, als Sie sich das vorstellen.

      • Oh, Oh! Dass Blogger sich siezen, ist schon hart.
        Ich habe nur den Blogeintrag gelesen und vielleicht sollten … sie … das auch nochmal mit Abstand tun. Der ganze Eintrag stellt den Schenkenden und seinen Wunsch, Freude zu bereiten in den Vordergrund. Der Beschenkte und seine Wünsche bleiben im Hintergrund. Menschen, die Geschenke nicht wollen werden verurteilt.
        Vielleicht wollten sie ja etwas anderes ausdrücken. Aber bei mir ist es dann leider nicht angekommen. Sorry.

      • Ja, ich wollte in der Tat etwas anderes ausdrücken. Ich stelle nicht mich als Schenkenden in den Vordergrund, sondern stelle Fragen. Sie haben die Fragen für sich selbst beantwortet. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Es geht mir vor allem darum, dass die Zeit so schnelllebig geworden ist, dass kleine Gesten als anstrengend empfunden werden. Das finde ich schade. Und selbstverständlich berichte ich aus meiner Sicht. Aus welcher sonst. Sie müssen für sich ganz alleine feststellen, wie es sich richtig anfühlt.

      • Ich habe versucht, aus der Sicht der anderen zu antworten. Sich in die anderen hinein zu versetzen. Mir hilft das zumindest. Denn leider neigt jeder Mensch dazu, ab einem gewissen Alter, Entwicklungen als negativ zu sehen, auch wenn sie das mit einer veränderten Sichtweise vielleicht gar nicht sind.

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