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Zweitwohnsitz – die Perspektive verändern

Pssst! Mich bloß nicht ansprechen! Ich wandle mit halb geschlossenen Augen durch die Wohnung, greife hier einen dünnen Schal, da eine Tasche, dort einen Schlüssel und werfe dabei missmutig prüfend einen Blick in alle Räume, ob man sie so klaglos für 10 Tage oder länger sich selbst überlassen kann. Der Gatte trägt emsig und wesentlich schwungvoller als ich das Gepäck zum Auto.
Samstag, 7:20 Uhr, wir verlassen Hannover Richtung Autobahn A7. Während der Gatte sich auf die überraschend leeren Straßen konzentriert, rolle ich mich grummelnd in meiner dünnen Decke auf dem Beifahrersitz zusammen. 7 Uhr, das ist einfach nicht meine Zeit um ein Leben zu leben!

Wir fahren und fahren und fahren und ich steigere mich während der langen Tour vom eingerollten Etwas in eine sitzende Position. Der Gatte hat ein Hörbuch eingelegt (John Green »Margos Spuren«) und so zischen wir kontinuierlich durch die ganze Nation, bis wir gegen 14 Uhr unser Ziel erreichen: unseren sogenannten Zweitwohnsitz im Allgäu.

Dieses Projekt hat zwei Ziele: 1. Einmal will ich wohnen, wo andere Leute Urlaub machen und 2. will ich die Idee umsetzen, wegzukönnen, wann immer ich weg möchte, ohne dass unser Workflow irgendwie eingeschränkt wird. Wir haben uns im Allgäu eine Wohnung gemietet und die letzten Monate damit verbracht, sie einzurichten, zu gestalten und damit zu arbeiten. Es hat Spaß gemacht, dort hinzufahren, Möbel aufzubauen, eine Küche zu kaufen, zu improvisieren. Doch diese Phase hatte auch immer etwas von Camping, von etwas Halbfertigem, etwas Verlorenem. Diesmal nun, im August, fahren wir erstmals mit der eigentlichen Intension ins Allgäu. Wir wollen dort leben, arbeiten und uns erholen. Den Alltagstrott aus Hannover in ein neues, zusätzliches Zuhause einbetten. Uns neu erfinden, aber mit dem gewohnten Leben. Rhythmus und Perspektive verändern, ohne alles zu ändern.

Allgäu

Allgäu

Geschäftig laden wir das Auto aus, hängen Kleidung in den Schrank, verstauen Lebensmittel in der Küche und beziehen die Betten. Irgendwann ist alles getan. Dann stehe ich da. Und nun? Ich schleiche fragend durch alle Räume der Wohnung und weiß so gar nichts mit mir anzufangen. Der Gatte: »Entspann dich! Nimm dir ein Buch, setz dich auf die Terrasse, genieß deine Zeit!« Tja … Von 0 auf 100 bei der Anreise, soll ich nun ankommen und runterkommen. Von 100 auf 0. Das kann ich nicht. Unterschied 1 zum Alltag in Hannover: dort gibt es IMMER etwas zutun. Wäschewaschen, einkaufen, aufräumen, Sport oder einfach DVD schauen. Ein permanentes Machen. Hier ist alles so anders. Ruhig. Reizarm. Behutsam. Ich traue mich nicht mal Musik anzumachen, um die Atmosphäre nicht zu zerstören. Also stehe, sitze oder schleiche ich. Mich fragend.

Die Tage vergehen und ich fühle mich fremd in meiner neuen Heimat. Ich frage mich zusehends, was ich hier eigentlich will. War die ganze Idee vom Zweitwohnsitz nur in der Theorie eine gute Idee? Ich möchte mein Leben draußen auf den Bergen verbringen. Nun ist es leider zu heiß. Bei über 30°C kann ich nicht wandern und bin ohnehin nicht gerne draußen, wenn es heiß ist. Wir arbeiten viel, business as usual, tragen unsere Büros im Laptop mit uns, was zur Folge hat, dass man frustriert denkt: puh, jetzt arbeiten, wenn draußen Berge sind … Und so sind die ersten Tage von einer latenten Unzufriedenheit ummantelt. Ich sehne mich nach Hannover. Eine Stadt, in der man auch bei Hitze so viele Dinge tun kann. Kino, Kultur, shoppen. Alles Dinge, die hier in dem abgeschiedenen Dorf nicht gehen. Hier soll ich einfach nur sein.

Berge

Berge

Ich lasse all diese Gedanken passieren, ohne mich ihnen groß hinzugeben. Und plötzlich wendet sich das Blatt. Ich wache morgens auf und fühle mich zufrieden. Ich fühle mich zuhause. Ja, okay, es ist zu heiß, ich kann kaum rausgehen, aber ich habe ja auch viel zu arbeiten und das soll genauso sein. Wir erkunden gegen Abend die Gegend im klimatisierten Auto und entdecken einen tollen See, der einen sehr schönen Hundebadestrand hat. Dort verbringen wir nun jeden Abend und Gerda lernt schwimmen von den anderen Hunden. Ich schaue manchmal schon am Nachmittag eigenartige TV-Formate und DVD, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und habe es im Laufe der Zeit auf immerhin 3 schöne, wenn auch kurze Wanderungen gebracht. Die Tage hier verlaufen wie die Tage in Hannover: Aufstehen, arbeiten bis nachmittags, dann Freizeit. Nur, dass sich die Freizeit und die Aussicht im Allgäu so gravierend von der in Hannover unterscheiden. Sie sind nicht besser, aber anders und das ist genau das, was wir uns gewünscht haben. Das Projekt scheint zum Erfolg zu werden.

Als wir nach 10 Tagen wieder abfahren, ist mein Gefühl neu. Mein Verstand braucht seine Zeit um einen Rhythmus zu finden, um eine Routine aufzubauen, aber dann fließt der Alltag. Arbeit, Vergnügen, neue Perspektive. Ich fühle mich frei und gut erholt, als wir wieder nach Hannover fahren, und freue mich auf den September, wenn es wieder in die Berge geht.

Zwei Jahre haben wir uns im Allgäu auferlegt. Zwei Jahre, so denken wir, brauchen wir, um ein Gefühl für einen Zweitwohnsitz zu bekommen. Alle Jahreszeiten genau zu erspüren in all seinen Kontrasten zur Stadt. Ich bin ein Stadtkind und niemand schafft mich je endgültig aufs Land, aber dieser Luxus jetzt, dass wir beides haben können, ist großartig und spannend.

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2 Kommentare zu “Zweitwohnsitz – die Perspektive verändern

  1. Sehr schön! Bin schon sehr gespannt auf Deinen Bericht dann im September

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